Ende des Zweiten Weltkriegs in Erlangen (15. und 16. April 1945)

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Arzttasche von Dr. August Ochs (1880 – 1971), Praktischer Arzt und Geburtshelfer in Erlangen


Es war ein warmer Sonnentag, der Sonntag am 15. April 1945. Damals wohnte ich – wie jetzt auch – am nördlichen Rand von Erlangen, am Fuß des Rathsberges.
Seit Tagen wurde darüber geredet, daß die amerikanischen Soldaten bald in Erlangen sein werden. Ich war damals zehneinhalb Jahre alt und wurde von meinem Vater als ältere der beiden Geschwister (unsere Mutter war 1941 verstorben) ausgewählt, um ein weißes, bereitliegendes Bettuch aus dem mittleren Fenster im ersten Stock zur Straße hin herunterzulassen, wenn die Amerikaner unser Haus passieren.
Gegen Mittag des 15. Aprils wurden bei uns vier Volkssturm-Mitglieder einquartiert. Sie konnten hinter dem Haus auf einer Bank ihre Mittagsration verzehren. Die Männer verlangten, daß alle Bewohner das Haus in Richtung Meilwald verlassen sollten, weil man erwartete, daß Erlangen beschossen werde.
Außer meinem Vater, meiner Schwester Hedwig und unserer Haushälterin Wilhelmine waren in unserem Haus eine Familie mit einem Säugling und einem sechsjährigen Sohn und auch Leute untergebracht, die aus anderen Städten geflüchtet waren.
Wir packten Proviant, Kleidung und alles Nötige in einen Leiterwagen. Die Sachen waren in einem abgedeckten Schacht im Garten für einen Notfall gelagert. Wir machten uns auf; mit dem Leiterwagen zogen wir in den Meilwald. Dort, wo der Wald eine ebene Fläche zur Lagerung bot, ließen wir uns nieder. Bis zum Abend harrten wir aus. Dann gingen wir zurück. Wir hatten zwar immer wieder Schüsse gehört, aber Erlangen war wohl nicht das Ziel.
Als wir auf unser Haus zugingen, sahen wir, daß am Waldrand gegenüber von unserem Haus mehrere Schutzgräben ausgehoben waren. Es wurde vermutet, daß dies die Arbeit der Volkssturm-Männer war. Sie hatten inzwischen unser Grundstück verlassen, so daß wir ungehindert in unser unbeschädigtes Haus zurückkehren konnten, ebenso kamen die übrigen Mitbewohner zurück.
Die kommende Nacht saßen wir alle in unserem Luftschutzkeller. Es war Pflicht geworden, einen dafür passenden Kellerraum mit dicken Stämmen und Balken abstützen zu lassen und als Schutzraum auszuweisen.
Einmal in der Nacht läutete es an der Haustür. Unsere Wilhelmine ging nach oben und öffnete die Haustür. Sie brachte einen völlig abgehetzten jungen Soldaten mit in den Keller. Weil er bei uns nicht bleiben konnte, wurde er durch die Kellertür an der Rückseite des Hauses und die rückwärtige Gartentüre auf einen Fluchtweg durch die angrenzenden Gärten geschickt. In unserer Gegend waren früher Verbindungstüren zwischen den Gärten eingebaut, die nicht abgeschlossen waren.
Immer wieder einmal ging jemand nach oben, um zur Straße hin aus dem Fenster zu sehen. Als es am Morgen dämmerte, konnten wir im gegenüberliegenden Wald Soldaten erkennen, die durch eine andere Form ihrer Stahlhelme auffielen. Zu hören war weiter nichts.
Eine Weile später – es war schon heller Tag – klingelte es an der Haustüre. Mit unserer Wilhelmine gingen wir zur Tür, um aufzumachen. Da standen vor uns zwei amerikanische Soldaten mit auf uns gerichteten Gewehren, dazwischen das Dienstmädchen einer Familie vom übernächsten Haus in der Rathsberger Straße 48.
Sie waren gekommen, um einen Arzt zu holen, nämlich meinen Vater. Er sollte einer Frau, die seit den frühen Morgenstunden in den Wehen lag, bei der Geburt ihres Kindes helfen. Die Soldaten verlangten, daß der Arzt nur mit einer weiblichen Begleitung aus unserem Haus kommen durfte.
Mein Vater packte seinen Geburtshilfekoffer zusammen und befestigte eine weiße Binde mit rotem Kreuz am Arm. Dann verließ er uns mit unserer Wilhelmine, begleitet von den beiden Soldaten und dem Dienstmädchen aus der Nachbarschaft.
Meine Schwester und ich waren voller Angst, daß unser Vater nicht mehr zurückkehren würde. Doch nach einiger Zeit kam Erleichterung; immerhin kehrte unsere Wilhelmine wieder zu uns zurück, allerdings mit der schlimmen Nachricht, auf der Straße liege ein toter deutscher Soldat.
Nach der glücklichen Geburt eines Mädchens kam auch unser Vater wieder heim.
Sehr lange dauerte es nicht, bis es an der Haustüre wieder läutete. Es kamen wieder zwei Soldaten, aber ohne Gewehr. Unser Vater führte sie in unser Eßzimmer, stellte drei kleine Becher auf den Tisch, die er mit Kümmelschnaps (von der letzten Weihnachtszuteilung) füllte, und bot den Amerikanern das Getränk an. Nachdem mein Vater der Aufforderung, als erster zu trinken, gefolgt war, leerten auch sie ihre Becher. Meine Schwester und ich waren nur Zuschauer. Die Soldaten hatten zu uns nicht ein Wort gesagt. Trotzdem waren wir nun völlig ohne Angst, auch bei der nun folgenden Inspektion der Räume im Haus, die gar nicht lange gedauert hat. Unser Vater führte die beiden in sein Schlafzimmer, öffnete gleich die richtige Tür seines Schrankes. Die Soldaten interessierten sich für Photoapparat und Ferngläser. Bereitwillig gab unser Vater die Sachen heraus, und damit war dann auch die Inspektion beendet, und die Soldaten zogen wieder ab.

 


Ute und Hedwig Ochs vor dem Haus Am Meilwald 4, 12. März 1944


So erlebte ich mit meiner Schwester Hedwig – sie war damals acht Jahre alt – die Einnahme unseres Hauses, Am Meilwald 4.
Es dauerte bis in die 80er Jahre, bis ich erfuhr, wie der 15. April 1945 in dem Haus am nördlichen Anfang der Rathsberger Straße abgelaufen ist. Frau Ljubow, die Eigentümerin, erzählte mir die Begebenheit nach dem Tod ihres Mannes, der 1980 verstorben war. Hier ihre Geschichte, wie sie mir erzählt wurde:
In Ljubows Haus waren in der Waschküche im Keller mit eigenem Ausgang in den Garten über eine Außentreppe deutsche Soldaten einquartiert. Ich meine, sie sagte, acht Personen. Am Morgen kam die Gruppe zu den Hausleuten herauf, sie wohnten im Parterre, berichteten, sie hätten von draußen fremde Stimmen gehört und sagten, sie wollten sich ergeben. Die Eheleute gingen an die Haustür, Frau Ljubow öffnete und sagte zu den ihr gegenüberstehenden amerikanischen Soldaten: „Don’t shoot, I am a Russian.“ Daraufhin kam der Vorwurf, sie sei eine Lügnerin. Aber einer der amerikanischen Soldaten stammte aus Polen und entgegnete, sie habe recht, weil sie mit ihrem Mann Russisch spreche. Sie machte dann den Amerikanern klar, daß die einquartierten deutschen Soldaten nicht schießen würden. Daraufhin wurden deren Gewehre inspiziert. Bei einem Soldaten fanden sie Schmauch am Gewehr. Er wurde später draußen erschossen. Dann begann die Inspektion des Hauses. Im ersten Stock bat Frau Ljubow darum, ein Zimmer nicht zu betreten, weil da eine Frau in den Wehen lag, und sie erbat sich die Genehmigung, einen Arzt holen zu dürfen. Deshalb kam zu uns das Dienstmädchen, begleitet von zwei Soldaten.
Nach der Inaugenscheinnahme der Räume im Haus lud das Ehepaar die Soldaten in ihre Wohnung ein und bot ihnen heißen Tee an. Unter ihnen war ein Befehlshaber, der im Gespräch nach dem Weg zur Essenbacher Brücke fragte. Frau Ljubow riet, die Rathsberger Straße hinunterzugehen, worauf die Amerikaner weiterzogen.
Für meine Schwester und mich war der erste Anblick der Soldaten der amerikanischen Armee, wie sie mit ihren Gewehren vor uns standen, sehr erschreckend. Das hat sich beim zweiten Besuch, als unser Vater sie zu einem Schluck Kümmelschnaps eingeladen hatte – wir waren nur Zuschauer – völlig gewandelt in eine freundliche Atmosphäre. Damit hatte es sich für mich auch erübrigt, das Betttuch zum Fenster hinaushängen zu müssen.
Zwischen den beiden Situationen lag die Geburt eines gesunden Kindes in der Nachbarschaft zu einer Zeit, als Erlangen immer noch die Zerstörung durch die amerikanische Armee drohte.
Der letzte Kriegstag wäre sicher nicht so friedlich für unsere Häuser verlaufen, die wohl als erste von den Amerikanern, die vom Rathsberg herkamen, aufgesucht wurden, wenn da nicht die Sprachgewandtheit von Frau Ljubow aus Rußland gewesen wäre, und wenn sich da nicht der in der amerikanischen Armee dienende Soldat aus Polen mit seinen Russischkenntnissen eingeschaltet hätte. Es sind da Menschen aus vier Nationen, den USA, Polen, Rußland und Deutschland einander helfend zusammengestanden.
Frau Ljubow stammte aus Tiflis, ihr Mann Jewgenij aus Leningrad. Das Ehepaar hatte nach schlimmen Erlebnissen im Zug der Oktoberrevolution die Heimat verlassen und war über Nürnberg in Erlangen ansässig geworden.
Im Sommer 1980 bat mich Herr Jewgenij, an sein Krankenbett zu kommen, um sich zu verabschieden. Als er nach zwei Wochen gestorben war, bat mich die Witwe zu sich. Gemeinsam warteten wir auf den Hausarzt. Später sagte sie zu mir, als es um die Bestattung ging: „Wir haben auch im Tod keine Heimat“, denn sie bekäme nur im Westen von Erlangen ein Grab. Da käme sie alleine gar nicht hin. Sie war damals 79 Jahre alt. Dieses Gespräch führte dazu, daß ich sie fragte, ob sie ihren Mann auf dem Neustädter Friedhof in unserem Familiengrab beerdigen lassen wolle. Dankbar nahm sie mein Angebot an. Als sie fühlte, daß auch auf sie das Ende zukam, stellte sie die Frage, ob auch sie in unserem Familiengrab liegen dürfe. Diese Frage hatte ich nicht erwartet, ich hatte dies für selbstverständlich gehalten. Sie starb 1986, fast sechs Jahre nach ihrem Mann.