Reinen Tisch machen und neu beginnen dürfen: die Beichte

Anders, als immer wieder behauptet wird, hat die evangelische Kirche die Beichte niemals „abgeschafft“. Das konnte sie auch gar nicht, denn die Befreiung von Sünde und Schuld und der Zuspruch der Vergebung zählen zu den wichtigsten „Kernstücken“ des christlichen Glaubens überhaupt.

Im Augsburger Bekenntnis von 1530, Artikel 11, heißt es: Von der Beichte wird (in der evangelischen Kirche) so gelehrt, dass man in der Kirche die private Absolution oder Lossprechung beibehalten und nicht wegfallen lassen soll, obwohl es in der Beichte nicht nötig ist, alle Missetaten und Sünden aufzuzählen, weil das doch nicht möglich ist: „Wer kennt seine Missetat?“ (Psalm 19, Vers 13)


Was gibt Christen eigentlich das Recht anderen Menschen im Namen Gottes die Vergebung ihrer Schuld zuzusprechen?

Jesus selber hat es getan! – Lies beispielsweise:

  • oder die Geschichte von der Heilung des Gelähmten in Matthäus 9, Vers 1ff
  • oder die Geschichte von Jesu Salbung in Lukas 7, Vers 36ff
  • die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin in Johannes 8, Vers 1ff!

Jesus hat seinen Jüngern (und damit seiner ganzen Kirche) den Auftrag und die Vollmacht gegeben, es zu tun! – Zum Beispiel in Johannes 20, Vers 23. Dort erscheint der auferstandene Herr nach Ostern seinen Jüngern und sagt: „Nehmt hin den Heiligen Geist! Wem Ihr die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen. Wem Ihr sie nicht erlasst, dem sind sie nicht erlassen.“

Eine andere Stelle ist Matthäus 16, Vers 19: (zu Simon Petrus) – „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“



Was gehört zu einer Beichte dazu?
  • Einer, der beichtet, natürlich.
  • Einer, der die Beichte abnimmt.
  • Das Aussprechen / Bekenntnis der Schuld.
  • Der Wille / Die Bereitschaft zur Wiedergutmachung (soweit das überhaupt möglich ist) oder zu einem neuen Anfang (= „Umkehr“).
  • Die Bitte um Vergebung.
  • Der Glaube (= das Vertrauen), dass Gott wirklich vergibt. Der Zuspruch der Vergebung im Namen Jesu bzw. des dreieinigen Gottes

Welche Formen der Beichte kennt die evangelisch-lutherische Kirche?

  1. Die einfachste Form: das sogenannte Sündenbekenntnis (= „Confiteor“) zu Beginn des Hauptgottesdienstes
  2. Die gebräuchlichste Form: der gemeinsame Beichtgottesdienst
  3. Die intensivste Form: das persönliche Beichtgespräch

Der Beichtgottesdienst, wie er in unserer Kirche gefeiert wird:

  1. Am Anfang begrüßt der Pfarrer / die Pfarrerin die Gemeinde. Nach einem Lied erinnern wir uns daran, was Jesus einst zu seinen Freunden gesagt hat:Zu Petrus: „Ich will Dir die Schlüssel des Himmelreichs geben. Alles was Du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein. Und alles, was Du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 16,19) Und zu allen seinen Jüngern: „Nehmt hin den Heiligen Geist! Wem Ihr die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen. Wem Ihr sie nicht erlasst, dem sind sie nicht erlassen.“ (Johannes 20,23)
  2. Nun betet der Pfarrer / die Pfarrerin den 139. Psalm: Herr, Du erforschest mich und kennst mich. Ich sitze oder stehe, so weißt Du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist Du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das Du, Herr, nicht schon weißt. Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst Deine Hand über mir. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz! Prüfe mich und erfahre, wie ich’s meine! Sieh, ob ich auf bösem Weg bin! Und leite mich auf ewigem Weg! – AMEN!
  3. Jetzt spricht der Pfarrer / die Pfarrerin zur Gemeinde („Beichtansprache“). Bevor wir Gott unsere Schuld bekennen, hören wir zunächst noch einmal die 10 Gebote und das doppelte Gebot der Liebe, wie Jesus es seinen Jüngern gegeben hat: Du sollst Gott, Deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft! – Das ist das größte und wichtigste Gebot. Das andere aber ist ihm gleich: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst! (Matthäus 22,37-40)
  4. Nun werden wir still vor Gott. Im stillen Gebet vertrauen wir ihm an, was uns belastet: Angst, Sorgen, Zweifel und Schuld. Danach sprechen wir das gemeinsame Beichtgebet. Anschließend stellt der Pfarrer / die Pfarrerin die sogenannten Beichtfragen: Bekennst Du, dass Du gesündigt hast, und bereust Du Deine Sünden? Willst Du, dass Deine Sünden Dir im Namen Jesu Christi vergeben werden? Glaubst Du auch, dass die Vergebung, die ich Dir zuspreche, Gottes Vergebung ist?
  5. Die Gemeinde antwortet jedes Mal mit einem lauten Ja. Es folgt die Absolution (= „Loslösung“). Der Pfarrer / die Pfarrerin spricht den Beichtenden Gottes Vergebung zu: Wie Ihr glaubt, so geschehe Euch! In Kraft des Befehls, den der Herr seiner Kirche gegeben hat, verkündige ich Euch die Gnade Gottes. Ich spreche Euch frei, ledig und los. Euch sind Eure Sünden vergeben. Im Namen des Vaters und des Sohnes und (+) des Heiligen Geistes! – AMEN!

Nachdem der Pfarrer / die Pfarrerin mit einem Gebet oder Psalm Gott gedankt hat, leitet ein weiteres Lied über zur Feier des Heiligen Abendmahls. Dort erfahren wir, was uns in der Beichte zugesagt worden ist: Es herrscht Frieden zwischen Gott und uns. Wir dürfen neu beginnen: mit Gott, mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst und dem eigenen Leben.


Wie kann man sich auf die Beichte vorbereiten?
Wie wir täglich in einen Spiegel schauen, um zu sehen, ob unsere äußere Erscheinung in Ordnung ist, so sollten wir nicht versäumen, wenigstens von Zeit zu Zeit einmal einen Blick auf unser Leben zu werfen und zu überlegen, ob auch da – etwa im Verhältnis zu Gott oder anderen Menschen – alles in Ordnung ist, bzw. wo etwas eben nicht in Ordnung sein könnte.

Das gilt besonders dann, wenn wir zur Beichte gehen wollen. Auch da gibt es eine Art „Spiegel“, den „Beichtspiegel“ nämlich. Er hilft uns, Klarheit zu gewinnen über uns und unser Leben. Dabei halten wir uns an die 10 Gebote. Man hat sie einmal „die 10 großen Freiheiten“ genannt.

Und das zu Recht! Denn sie wollen uns nicht schikanieren oder alles verbieten, was Spaß macht, sondern darum geht es ihnen: dass unser Leben gelingt und wir die Freiheit, die Gott uns zugedacht hat, nicht leichtfertig verspielen.


Ein Beispiel für eine Beichtansprache:

Ich möchte Euch gerne an eine Geschichte aus dem NT erinnern.Sie ist so bekannt, dass man sie nicht mal vorlesen muss, weil jeder sofort Bescheid weiß. Bei Lukas steht sie, also in dem Evangelium, von dem wir im Konfirmandenunterricht beim „Bibel-Monopoly“ gelernt haben, dass es die „heißen Stories“ enthält. Und eine heiße Story ist es in der Tat. Ich meine das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“.

Ihr wisst schon, das ist der, der sich sein Erbe auszahlen lässt und damit praktisch zu seinem Vater sagt: „Du bist für mich gestorben!“, der das Geld in der Fremde verjubelt und am Ende so fertig ist, dass er beschließt zurückzukehren, und der dann zur allgemeinen Überraschung von seinem Vater nicht mit Vorwürfen empfangen, sondern mit großer Freude aufgenommen wird.

Es hat mittlerweile Tradition, dass im Beicht- und Abendmahlsgottesdienst der Bruckmühler Konfirmanden am Abend vor der Konfirmation an diese Geschichte erinnert wird.

Nicht nur, weil wir sie auch im Konfirmandenunterricht behandelt haben. Sondern auch, weil sie wie kaum eine andere deutlich macht, worum es an diesem Abend vor der Konfirmation eigentlich geht.

Es spukt ja in den Köpfen der Leute immer noch eine ganz verrückte Vorstellung von Beichte und Christentum überhaupt herum, eine Vorstellung, die total in die Irre führt und doch scheinbar nicht auszurotten ist, nämlich die, im christlichen Glauben gehe es darum, einem möglichst alles im Leben zu vermiesen, was Freude macht, und Christen hätten gewissermaßen andauernd mit schlechtem Gewissen herumzulaufen.

Muss man sich wundern, wenn viele es daraufhin gar nicht erst richtig versuchen und sich ein Leben lang dem Evangelium nicht öffnen? Muss man sich wundern, wenn Menschen, die unter solchen Vorstellungen leiden, von Ängsten und Schuldgefühlen geplagt werden? Und muss man sich wundern, wenn auch Konfirmanden beim Gedanken an die Beichte erst einmal mächtig zusammenzucken?

Die Kirche ist daran nicht unschuldig. Viel zu lange haben Christen und Pfarrer dieses Missverständnis gefördert, als ginge es im Evangelium darum, uns im Staub kriechen zu lassen. Viel zu oft haben Christen die frohe Botschaft von Jesus Christus umgedreht zu einer Drohbotschaft von Moral und Gesetz.

In Wirklichkeit geht es aber nicht darum, uns in den Staub zu werfen, sondern uns aus dem Staub herauszuholen. Wie wir vorhin gesungen haben: „Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe.“

Dabei gibt sich die Bibel keinen Illusionen hin. Sie sagt nicht einfach „Alles nicht so schlimm!“ – Sie sieht uns ungeschminkt als das, was wir sind und wozu wir nicht erst gemacht werden müssen: fehlerhafte, widersprüchliche und, jawohl, auch schuldige Wesen, die sehr wohl Vergebung nötig haben.

Da fällt die Maskerade. Da sehen wir uns ins Licht gestellt, und dieses Licht bringt manches an den Tag, was wir sonst lieber verbergen.

Aber, und das ist entscheidend, die Botschaft lautet nicht: Ihr seid verdammt! sondern: Ihr seid erlöst! – Erlöst durch Gottes grenzenlose und alles Verstehen übersteigende Liebe, wie sie in Jesus, seinem Leben, Sterben und Auferstehen, sichtbar Gestalt angenommen hat, so dass es alle sehen können, die es sehen wollen.

Betrachten wir noch einmal das Gleichnis vom verlorenen Sohn (oder wie es ja eigentlich heißen müsste: vom wiedergefundenen Sohn), so lässt sich das, was das Evangelium meint und worum es bei der Beichte eigentlich geht, auch noch anders sagen: Beichten ist Heimkommen zu Gott, heißt reinen Tisch machen und neu beginnen.

So sagt es übrigens auch der Apostel Paulus einmal, wenn er im 2. Korintherbrief schreibt: „So ermahnen wir Euch nun an Christi statt: Lasst Euch versöhnen mit Gott!“ – Denn es ist nicht unsere Anständigkeit oder Frömmigkeit oder unser guter Wille, und es ist auch nicht die Kirche, die diesen neuen Anfang ermöglicht, sondern es ist Gottes Gnade. Sie holt uns heraus. Sie befreit uns zu neuem Leben.

„Lasst Euch versöhnen mit Gott!“ – Der berühmte Kirchenvater Augustin, der vor gut anderthalb Jahrtausenden in Rom und Karthago lebte, hat einmal gesagt (und eigentlich ist das ein Gebet, das wir alle uns heute Abend zu eigen machen könnten!): „Ruhelos ist unser Herz, bis es zur Ruhe kommt in Dir!“
Christen, die das begriffen haben, sind damit nicht aller Sorgen enthoben. Sie haben genauso Probleme und können genauso Fehler machen wie alle anderen auch. Aber sie sind auf dem Weg, dem Heimweg sozusagen. Und wenn wir auch noch nicht am Ziel sind, so gibt Gott uns doch jetzt schon einen Vorgeschmack des unvergleichlichen Friedens, den er uns am Ende schenken will.

Deswegen feiern wir nach der Beichte das Abendmahl, das große Festmahl der Versöhnung, das Gott uns bereitet wie der Vater im Gleichnis seinem Sohn!

Da sollen wir Ruhe finden, Trost und Geborgenheit, nicht nur einmal, nein, immer wieder, Vergebung und den Mut zu einem neuen Anfang: mit Gott, unseren Mitmenschen und – nicht zuletzt – uns selbst, denn wer nicht mit sich selbst Frieden schließen kann, der kann es auch nicht mit anderen.

„Ruhelos ist unser Herz, bis es zur Ruhe kommt in Dir!“ – Es ist ein phantastisches Angebot, mit Worten kaum zu fassen, das Gott Euch und uns allen da macht. Überlegen wir uns die Antwort gut! – AMEN!

(Ansprache über das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“, Lukas 15,11-32, im Beicht- und Abendmahlsgottesdienst der Konfirmanden in Bruckmühl im Mai 2000)


Christus umarmt den heiligen Bernhard von Clairvaux vom Kreuz herab: sogenannter „Amplexus“ (= „Umarmung“) aus einem “Graduale“ (= Buch mit den Gesängen zu den gottesdienstlichen Lesungen) des Zisterzienserordens, um 1350.


Gott vergibt uns. ER nagelt uns nicht fest auf das, was war oder noch ist, was wir falsch gemacht haben oder wo wir schuldig geworden sind. ER schenkt uns einen neuen Anfang. ER läßt uns neu beginnen: mit IHM, mit unseren Mitmenschen, mit uns selbst. So glauben wir.

Aber Gott vergibt nicht „einfach so“. In Jesus Christus hat ER selber unsere Schuld, unsere Angst, ja sogar unseren Tod auf sich genommen. Darum kann Paulus im 2. Korintherbrief schreiben: Gott versöhnte in Christus die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht an und hat unter uns das Wort von der Versöhnung aufgerichtet. (2. Kor 5,19)

So ähnlich lesen wir es auch schon beim Propheten Jesaja. Über 500 Jahre vor Christi Geburt schrieb er das Lied vom leidenden Gottesknecht. Darin heißt es: ER ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf IHM, auf daß wir Frieden hätten, und durch SEINE Wunden sind wir geheilt. (Jes 53,5)

Dass Gott sich mit uns versöhnt, dass ER uns vergibt und sich selbst die Strafe auferlegt, „auf dass wir Frieden hätten“, das ist wirklich eine gute Nachricht (= „Evangelium“). Auf der anderen Seite verpflichtet uns Gottes Barmherzigkeit aber auch, ebenso barmherzig mit unseren Mitmenschen umzugehen, wie Gott es mit uns tut. In der Bergpredigt sagt Jesus (Matthäus 6, Vers 14 und 15):

Wenn Ihr den Menschen vergebt,

so wird Euch Euer himmlischer Vater auch vergeben.

Wenn Ihr aber den Menschen nicht vergebt,

so wird Euch Euer himmlischer Vater auch nicht vergeben.