Andacht - 29.08.2021

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29.08.2021

Reihe: Märchenpredigt

Der gestiefelte Kater

Liebe Gemeinde,

manchmal scheint es so, dass die Gaben und Fähigkeiten auf dieser Welt ganz schön unterschiedlich und irgendwie auch ungerecht verteilt sind. Da gibt es die Paris Hilton‘s, die von Anfang an in Saus und Braus leben ohne jeden Bezug zur Lebensrealität der meisten Menschen, oder um es nicht ganz so überspitzt zu sagen, es gibt die, die in materiell sehr gesicherte Verhältnisse geboren werden, man spricht heute schon von einer ganzen „Generation der Erben“, also Zeitgenossen, die von dem, was ihre Familien, ihre Eltern erarbeitet haben, gut leben können. Und natürlich gibt es auch das andere Extrem, die, die nichts erben, die bestenfalls die Schulden ihrer Eltern ablehnen können, die angesichts der eigenen unsicheren Verhältnisse sich von Tag zu Tag, von Monat zu Monat irgendwie durchschlagen. Da war ein Müllerssohn, der von seinem Vater nicht die Mühle wie der älteste Bruder, auch nicht wenigstens den Esel wie der mittlere, sondern nur einen einfachen 

Kater geerbt hat. Was soll ich damit schon anfangen, da kann ich mir bestenfalls ein paar Handschuhe aus dem Fell machen, das war’s.

Das war’s. No future, hat man eine Zeitlang gesagt. Mit dem, was mir gegeben ist, kann ich nichts anfangen. Ich sehe nicht mehr, wie es weitergeht, bin am Ende, bin am Ende mit meiner Phantasie, auch mit meiner Kraft, am Ende mit meinen Möglichkeiten. „Die Welt ist ungerecht“, möchte man dann am liebsten rausschreien, schau nur wie gut es all die anderen haben. Den anderen geht es besser, die haben mehr geerbt und haben mehr bekommen als ich, die anderen aus meiner Familie, die Nachbarn, die Wirtschaftsleute, die Politiker, und wenn einem gar nichts mehr anderes einfällt, dann sind es sogar die Sozialhilfeempfänger und die Ausländer, schau nur, wie gut es denen geht und wie schlecht es mir geht - selbst das verrückteste Beispiel taugt, um den eigenen Frust und das ganze Selbstmitleid, in dem man schwelgt, zu beschreiben.

So oder so ähnlich muss sich der Müllerssohn gefühlt haben. Was dann passiert gibt es in dieser Form nur im Märchen. Der Kater kann sprechen und mischt sich ein: Gib mir deine Stiefel. Dann nimmt er ein paar Körner aus der Mühle, macht sich auf den Weg und fängt mit Hilfe der Körner ein paar Rebhühner in einem Sack. Die bringt er dem König des Landes, einem bekannten Rebhuhn-Braten-Liebhaber. Der bedankt sich und lässt den Kater mit Gold bezahlen. Der Kater geht jeden Tag los, fängt Rebhühner und bringt dem erstaunten Müllerssohn Gold nach Hause. So geht es viele Tage, erzählen die Gebrüder Grimm.

Eigentlich könnte das Märchen hier zu Ende sein, denn ich habe das Gefühl, das entscheidende ist schon passiert. Um es gleich zu sagen: der Kater aus dem Märchen, der ist nämlich meines Erachtens bei Licht betrachtet niemand anderes als das verborgene andere Ich des Müllerssohnes. Das Märchen lässt den Müllerssohn quasi doppelt auftreten: da ist einerseits der mutlose, der sich aufgibt, der unzufrieden meckert über das vermeintliche Glück der anderen; und da ist die andere Seite in Form des Katers, die sich fast übermütig ausmalt, wie es alles anders sein könnte. Das Glück des Mannes ist, dass diese Seite sich auf den Weg macht, dass er nicht im Selbstmitleid hängen bleibt, sondern sich aufrafft. Kaum hat er begonnen, macht er die tollsten Erfahrungen; sein Talent, so klein es ihm zunächst auch schien, bewährt sich. Er muss sich freilich auf die Hinterbeine stellen – wie ein Kater, der sich Stiefel anzieht und aufrichtet – und muss sich ins Leben hinauswagen.

Natürlich, das Märchen schmückt dann alles märchenhaft aus: wie der Kater raffiniert dem badenden Müllerssohn die Kleider wegnimmt und so das Mitleid des vorbeifahrenden Königs weckt; wie er den Bauern und Waldarbeitern einschärft, dass ein „Herr Graf“ der neue Besitzer sei, und den wenig später kommenden König so sehr beeindruckt, wie er superklug und listig dem eigentlichen Besitzer von Land und Schloss, dem Zauberer, einschmeichelt und ihn dazu bringt, sich probeweise in eine Maus zu verwandeln, um sie dann mit einem Happs zu verschlingen, all das ist so nett, natürlich ein bisschen hochstaplerisch, aber eben auch mit einer Leichtigkeit erzählt, die einen schmunzeln lässt. Man freut sich über diese Leichtigkeit des Katers, über seinen Witz, über seine Kreativität, über seine offensichtliche Lebensfreude. Wer ein Stück Vertrauen in sich gewinnt, dem geht scheinbar alles viel leichter von der Hand.

Matthäus erzählt ein Gleichnis, dass einem sofort einfällt bei der Erzählung von den drei Söhnen des Müllers, die so ungleich ausgestattet ins Leben geschickt werden – das sogenannte Gleichnis von den anvertrauten Pfunden.

- (bitte nachlesen: Matthäus 25, 14-30) -

Der dritte Knecht hat alles vergraben, was ihm anvertraut, was ihm gegeben ist, vielleicht ist er auch wütend, dass ihm sein Herr so wenig zu traut, vielleicht betrauert er auch sich selbst, 

weil er es nicht so gut getroffen hat wie die anderen. Jedenfalls nutzt er nicht seine Möglichkeiten, er gibt auf, bevor er angefangen hat. Ja eigentlich verhält er sich so, als gäb’s ihn gar nicht, als wäre er schon gestorben. Wir sind ja leicht versucht uns beim Lesen dieses Gleichnisses aufzuregen über das merkwürdi-ge Urteil, das der Eigentümer da spricht; der springende Punkt des Gleichnisses liegt aber gar nicht bei dem schroffen Ton des strengen Herrn, liegt auch nicht bei dem in unseren Augen befremdlichen, problematischen Charakter der Geschäftswelt, das hier als Bild benutzt wird. Der springende Punkt ist vielmehr, dass Jesus sagt: Jeder hat Talente; große und kleine. Und jeder bekommt Zeit, sie zu nutzen, sie leben und wachsen zu lassen. Es ist nicht recht, es ist eine große Verschwendung von Möglichkeiten, ja es ist ein Verpassen des eigenen Lebens, seine Talente zu vergraben, sie nicht zu nutzen, sich tot zu stellen.

Was werden die Menschen zur Zeit Jesu beim Hören dieses Gleichnis gefühlt haben? Nun ich denke, sie werden gedacht haben: unsere Situation und die Bedrückung durch die Römer ist so miserabel, dass nur Gott oder der Messias oder halt ein Wunder helfen kann. Richtig, sagt Jesus, Gott wird kommen, und wir können dem Kommenden entgegengehen. Nicht schlafen, trauern, abwarten, im Selbstmitleid vergehen oder gar resignieren, sondern aufstehen, Stiefel anziehen, unter die Leute gehen und tätig sein, wie der Kater des Müllersohnes.

Am Ende heiratet der Müllerssohn die Prinzessin, wird selber König und macht seinen Kater zum 1. Minister. Und das ist auch gut so. Denn wenn ein König mal einen Durchhänger hat, der erste Minister macht die Alltagsarbeit, und dazu kann man die Phantasie, die Entschlossenheit, den Mut, die Lebensfreude und vor allem die Leichtigkeit des Katers in sich immer wieder ganz gut gebrauchen. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen.

 

Bleiben Sie gut behütet,

Pfr. Wolfgang Blöcker

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