Andacht - 24.01.2021

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14.01.2021

Rut 1,1-16

Starke Frauen

Liebe Gemeinde,

In dieser Woche ist in den U.S.A. außer Präsident Joe Biden auch seine Vizepräsidentin Kamala Harris vereidigt worden.

Mit Freude hat die Weltöffentlichkeit wahrgenommen, dass damit zum ersten Mal eine Frau das zwei- höchste Amt im Staat übernimmt, und dass sie afroamerikanische und asiatische Wurzeln hat. Ihr Vater stammt aus Jamaika, ihre Mutter aus Indien.

Welche Erfahrungen bringen Frauen mit in solche Ämter, die Männer eher nicht machen?  – In der Regel sind es Erfahrungen von Demütigung, Zurücksetzung und Übergriffen, bei Kamala Harris kommt die Erfahrung von Rassismus dazu. Solche Erfahrung machen in aller Regel sensibel für Menschen, die Ähnliches erleben, und das ist für eine Regierungschefin nicht die schlechteste Voraussetzung.

Von einer anderen Frau, die in schwierigen Zeiten sensibel und stark wurde, wollen wir heute hören: Wir hören als biblische Lesung einen Teil der Geschichte Ruts (Rut 1,1-7a):

Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann. Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr.

     Vertraut den neuen Wegen,

     auf die der Herr uns weist,

     weil Leben heißt: sich regen,

     weil Leben wandern heißt.

     Seit leuchtend Gottes Bogen

     am hohen Himmel stand,

     sind Menschen ausgezogen

     in das gelobte Land. Lied 395,1

Dieses Lied singt von dem Vertrauen auf Gott: Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott mitgeht, uns begleitet, uns führt – zum frischen Wasser, wenn wir durstig sind, uns den Kelch voll einschenkt im Angesicht unserer Feinde. Das ist die Grunderfahrung Israels seit Abraham und Mose. Aber diese Zuversicht geht manchmal verloren, wie in der Geschichte der Israelitin Noomi: Aus Hunger floh sie mit ihrem ausländischen Mann in dessen Heimat: Ihr Mann und ihre Söhne starben viel zu früh. Der einzige Wunsch der ihr blieb war: Zurückzugehen in die Heimat, in der es wieder Brot gab. Aber das Herz war ihr schwer, nein mehr. Es war gebrochen. Sie war am Ende. (Rut 1,7b-15):

Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? … Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach.

Und in diesem Moment zeigt sich, was für eine starke Frau Rut war. Ihre Schwägerin Orpa war umgekehrt, denn die Versorgung von Witwen und Waisen war damals an die Familie gebunden. Nicht aber Rut. Sie war entschlossen, mit ihrer Schwiegermutter zu gehen. Sie spricht sehr starke Worte, die ihre Entschlossenheit sehr deutlich machen: (Rut 1,16-19):

Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

Rut nahm ihr Leben in die Hand und das, obwohl sie sehr wohl wusste, wie schwierig es werden würde, wenn sie als Fremdling – noch dazu als Witwe – in Israel leben soll. Doch das in diesen Jahren gewachsene Vertrauen waren stärker als alle Bedenken.

Sie war bereit mitzugehen, und dafür fast alles aufzugeben – selbst ihre Religion. Und das hieß viel, zeigt aber zugleich, dass für sie persönliche, menschliche Bindungen höher standen als Bindungen an das Volk und die Herkunft. Und so zogen die beiden in Noomis Heimat, nach Bethlehem.

Fünf Grundhaltungen und Werte haben sie zu ihrer Entscheidung bewogen:

1. Niemanden in Stich lassen.
„Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte.“

2. Auf den anderen zugehen und mit ihm mitgehen. – in seinen Schuhen gehen:
 „
Wo du hingehst, da will ich auch hingehen.“

3. Beim Anderen bleiben, zu ihm halten, auch wenn es schwierig wird.:
„Wo du bleibst, da bleibe ich auch.“

4. die Herkunftsgrenzen spielen keine Rolle, wo Gemeinschaft trägt.
„Dein Volk ist mein Volk.“

5. Das ist der Glaube an den einen Gott, der mitgeht, der uns nicht alleinlässt, der Wege findet, die unser Fuß gehen kann. Im Grunde ist es dieser Glaube, den Rut in der Familie ihres Mannes kennengelernt hat, und der sie bewegt mit ihrer Schwieger­mutter mitzugehen.
„Dein Gott ist mein Gott.“ Der Gott Israels.

Damit aber ist die Geschichte von Ruts Entschlossenheit und Mut noch nicht zu Ende. Es lohnt sich das kleine Büchlein, 85 Verse auf 4 Seiten mal durchzulesen. Eine Geschichte von Mut und Liebe, von Liebesheirat statt Pflichtheirat. Eine Geschichte voller Tabubrüche und Konventionen also von allgemein üblichen Regeln, sodass Leben und Liebe gelingen konnten.

Trickreich gewinnt sie ihren Mann Boas, und wird so zur Großmutter Davids und damit zu einer der Vorfahren Jesu.

Und das Bemerkenswerteste an der ganzen Geschichte: Gott handelt nicht, Gott redet nicht, er lässt den Dingen ihren Gang. Aber es kommt eben nur in Gang, weil Rut auf Gott vertraut. Ihr Glaube macht sie stark, den Weg zu gehen, den sie gegangen ist gegen alle Regeln. Und damit wird sie ein Teil der großen Mutmachgeschichte Gottes mit den Menschen. Gerade für Frauen.

Dass heute Frauen wie Kamala Harris so hohe Staatsämter übernehmen können, ist ein weiterer, guter Schritt hin zu einer Welt, in der es eines Tages keine Rolle mehr spielen wird, welchem Geschlecht oder welchem Volk jemand angehört, sondern welche Fähigkeit jemand hat. Bei Rut waren es Glauben, Mut, Unerschrockenheit und auch ein wenig Raffinesse. Gebe uns Gott viel davon!

Bleiben Sie behütet! Ihr Pfr. C.Henzler.

      Lass uns in deinem Namen, Herr,

      die nötigen Schritte tun.

      Gib uns den Mut, voll Glauben, Herr,

      heute und morgen zu handeln.   Lied 634

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