Andacht - 21.06.2020

Hier finden Sie diese Andacht als Faltblatt zum Weitergeben.

Gedanken zuMt 11, 25-30 am 2. Sonntag nach Trinitatis, 21.6.2020, Pfrin. Kerstin Kowalski

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Sehen und gesehen werden – nach diesem Prinzip finden viele Veranstaltungen statt: es geht gar nicht um den Inhalt, sondern darum, wer da ist, wem man begegnet, und, dass bestimmte Menschen mich gesehen haben. Und, dass ich sie gesehen habe: wer auch da war, wer gesehen wurde, gehört dazu.

Wer sieht, was sich in Christus zeigt?

Wer kann erkennen, was das Besondere an diesem Menschen ist?

Die, die es wissen müssten, die können es anscheinend nicht: die Weisen, Schriftgelehrten, die theologisch Ausgebildeten: sie sehen einen, der Traditionen bricht, der die guten alte Werte nicht achten möchte, - vielleicht sogar einen, der an ihren Stühlen sägt mit seinen Worten und Taten.

Christus erkennen: das können die, von denen man es nie erwartet hätte: der blinde Bartimäus, seit Jahren ein hoffnugsloser Fall für die Gesellschaft von Jericho, der römische Hauptmann, dessen Knecht erkrankt, die Frau, die seit Jahren unter Blutungen leidet und niemand kann ihr helfen – und der Römer, der unter dem Kreuz steht, überwacht, dass auch bei dieser Hinrichtung alles mit rechten Dingen zugeht. Und der dann feststellt: hier war gar nichts richtig.

Es sind die, von denen man es nicht erwartet, die Christus erkennen: die, die am Rand stehen, die keinen Zugang zum Innercircle des Judentums damals haben, die eigentlich was ganz anderes glauben müssen – es sind die mit dem heimatlosen Herzen, die nie einen Ort für ihre Fragen und Ängste gefunden haben. Sie erkennen Christus: sie können fühlen, sehen oder einfach verzweifelt hoffen, dass in diesem Menschen Gott da ist.

Für mich ist das ein zentraler Gedanke, wenn man Gott beschreiben möchte: dass er sich nicht erschließt über Wissen, Theorien und Gedankenmodelle. Gott erschließt sich über Erfahrung: über erlebtes Vertrauen, erfahrene Liebe, erlebten Respekt und Begegnungen auf Augenhöhe. Vielleicht sind es gerade deshalb auch die Kinder, die sich mit Gott so viel leichter tun, als wir: sie erleben. Und dann urteilen sie. Wer ihnen gütig begegnet, ihnen eine Stimme gibt und zuhört, wer sich auf Kinder einlässt, wird immer gut aufgenommen werden. Nicht umsonst heißt es in der bekannten und geliebten Geschichte: wenn ihr das Reich Gottes nicht annehmt wie ein Kind.

Gott erkennen, in Christus: er zeigt sich in einem Menschen, damit wir alle lernen können: man kann Gott finden. Hier, im echten Leben.

Die Erfahrung von Zuwendung, Solidarität, Geduld und Ruhe für die Seele ist keine, für die man erst 20 Semester studieren muss. Meistens klappt es dann auch um so weniger. Schau auf Christus – und du siehst Gott. Lass dich von Christus ansehen – und Gott sieht dich.

Sehen und gesehen werden, genau darum geht es hier. Und wieder ist nicht wichtig, warum jemand Gott sucht, warum er in die Kirche oder zu einem Menschen seines Vertrauens geht. Gesehen werden ist wichtig. Angesehen werden.

Die Nachfolger Christi auf der Erde – das sind wir. Und bei all der Freude und Geborgenheit, die wir empfinden, wenn wir hören: du bist gesehen! Gilt für uns auch die andere Seite: schau andere an!

Nicht unter dem Blickwinkel, was sie wieder tun, richtig, falsch, passend oder nicht – sieh in anderen Christus. Und zeige ihnen das.

Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens: so betete es einst Franz von Assisi.

Christus erkennen, sehen und gesehen werden: wenn wir das in unseren Herzen tragen und nach außen zeigen, dann hat Christus eine echte Chance auf dieser Erde. Amen.

 


 


 

Jetzt anhören:

Tags: