Andacht - 21.05.2020

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Andacht zum Himmelfahrtstag zu Johannes 17,20-23.26

Liebe Gemeinde,
viele tun sich schwer mit diesem Feiertag heute, zu wunderhaft ist das Geschehen, als Jesus vor den Augen der Jünger gen Himmel fuhr.
Ich stelle mir die Jünger vor, die völlig fassungslos dastehen, verwirrt, traurig, vielleicht auch etwas neidisch.
Was für ein Auf und Ab hatten sie erlebt:
Da war der begeisterte Empfang in Jerusalem,
der Einzug quasi auf dem roten Teppich,
das letzte Abendmahl in ganz enger Verbundenheit mit ihm, dem Freund und Meister.
Da war auch die Nacht in Gethsemane, verstörend,
geradezu unheimlich diese inneren und äußeren Kämpfe.
Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Jesus starb am Kreuz und mit ihm ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume.
Nur drei Tage später änderte sich wieder alles:
Jesus lebte, kaum zu glauben, fast zu schön, um wahr zu sein.
Und nun wieder Abschied, Abschied im Guten,
weil es nicht in die Tiefe des Todes ging, sondern hoch in den Himmel,
zu Gott, dem Vater, und dennoch.
Wieder ein Abschied, wieder ein Verlassen werden,
diesmal mit der Ahnung, dass es endgültig ist.

Die Jünger werden eine Zeit lang gebraucht haben,
bis sie verstehen konnten, was geschehen ist.

Hatten diese Weißen Männer nicht gesagt:
Ihr Männer von Galiläa,
was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?
Und Jesus: ihr werdet meine Zeugen sein

„Alle eins“. Oder auch:
„Wir in Christus und Christus in uns“.
Das hat Jesus ihnen zum Abschied mitgegeben,
er hat sie eben nicht alleine gelassen.

Hören wir den Predigttext für das Himmelfahrtsfest, es sind Verse aus den Abschiedsreden Jesu im Evangelium nach Johannes im 17. Kapitel:

Johannes 17,20-26 Lesung aus der Basisbibel
Jesus betet für alle, die zum Glauben an ihn kommen werden
20 „Ich bete nicht nur für die Jünger, die hier anwesend sind. Ich bete auch für alle, die durch ihr Wort zum Glauben an mich kommen.
21 Der Glaube soll sie zusammenhalten – so wie du, Vater, in mir gegenwärtig bist, und ich in dir.
Der Glaube fügt sie zusammen.
Dann kann diese Welt zum Glauben kommen, dass du mich gesandt hast.
22 Ich habe ihnen die Herrlichkeit verliehen, die du mir geschenkt hast.
Die Herrlichkeit soll sie zusammenhalten, so wie auch wir untrennbar eins sind.
23 Ich bin in ihnen gegenwärtig und du in mir.
Sie sollen untrennbar zusammengehören.
Daran soll diese Welt erkennen: Du hast mich gesandt, und du liebst sie, so wie du mich liebst.
(… )
26 Ich habe dich ihnen verkündet und werde es weiter tun. Die Liebe, die du mir geschenkt hast, soll auch sie erfüllen. So werde ich in ihnen gegenwärtig sein.“

Himmelfahrt bedeutet Abschied,
und doch bleibt eine enge, innige Verbindung.

Man merkt den Worten Jesu an,
wie sehr er um seine Jünger ringt und bittet.
Wenn er für die bittet,
die durch das Wort der Jünger zum Glauben kommen,
dann meint er auch uns heute,
dich und mich,
jeden einzelnen Menschen, der an ihn glaubt.

Jesus wird nicht müde zu sagen,
wie eng die Verbindung ist zwischen ihm und dem Vater
und zwischen uns und ihm.
Seit seiner Himmelfahrt können die Jünger ihn nicht mehr berühren, er kann ihnen nicht mehr den Arm um die Schulter legen oder sie an die Hand nehmen.
Ich hoffe, sie haben aber gespürt, wie viel ihm an ihnen und an uns liegt, wie sehr er unser Innerstes berühren will.
Er ist in uns.
So eng, wie die Verbindung zu Gott,
dem Vater ist, ist auch die Verbindung zu uns.
Ich bin in ihnen und du bist in mir,
so betet Jesus zu seinem Vater.

Er, der so Großes, Unfassbares getan hat, findet Platz und Raum in mir.
Das können wir nicht sofort begreifen.

Manchmal vergleiche ich den Glauben, die Verbindung, die wir mit Gott eingehen, mit dem Atem.

Mit jedem Einatmen füllt sich die Lunge mit frischer Luft, und der Sauerstoff strömt über die Blutgefäße in unseren ganzen Körper.
Mein Körper braucht den Sauerstoff, damit Stoffwechsel geschieht, damit Muskeln arbeiten könne, damit ich Hände und Füße regen kann, etwas tun und bewirken kann.
Und unwillkürlich strömt die verbrauchte Luft aus meinem Körper, ich atme aus. Meine Stimme braucht den Atem, er bringt die Stimmbänder zum Schwingen, lässt Zunge und Lippen regen, sie formen Worte und Töne.

Das Einatmen des Glaubens geschieht, wo ich Gottes Worte und seine Botschaft an mich höre, spüre, in mich aufnehme bis in mein Innerstes.
Das Ausatmen des Glaubens geschieht, wo ich mich zurückbinde an Gott, im Gebet ihn suche, seine Botschaft weitertrage und mit meinem Tun in die Welt hineinwirke.

Christus in mir.
Mit jedem Atemzug kommt er uns näher, nimmt Raum ein mit seinen Worten, seiner Liebe, mit dem Heil, das er schenken will.

Unsere Sorgen und Nöte, die Ängste, die uns in dieser Zeit der Coronapandemie bedrängen, die wir kaum abschütteln können.
Die Arbeit, die Aufgaben, all das, was uns sonst in Beschlag nimmt, Raum einnimmt, viel zu viel Raum, das ist alles auch noch da,
aber die Sorgen des Alltags werden kleiner.

Das, was scheinbar riesengroß wurde und damit unbezwingbar, wird auf Normalgröße zurechtgestutzt.
Und damit kann ich umgehen oder mir Hilfe holen, ich werde wieder handlungsfähig, Schritt für Schritt und Atemzug für Atemzug.

Ich kann wieder Entscheidungen treffen oder kann damit leben, wenn nicht alles perfekt funktioniert.
Weil Christus mit seiner Liebe in mir ist.
Weil ich mit jedem Atemzug dieser Liebe mehr vertrauen kann.

Inniger geht es nicht.
Und vielleicht nur für einen Moment erahnen wir die enge Verbindung zwischen Christus und seinem Vater.
Ich in ihnen und du in mir, so beschreibt es Jesus selbst.

Wir sind und bleiben also in Beziehung zu Jesus Christus
und mit ihm und durch ihn zu Gott, dem Vater,
auch und gerade nach Himmelfahrt.

Und diese Nähe von Christus zu uns Menschen wird nach außen sichtbar sein. Sie wird weiterwirken, so wie der Atem unsere Stimme bewegt und die Luft sie weiterträgt.

Albert Schweizer sagte: Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren der Liebe, die wir Menschen hinterlassen, wenn wir gehen. Amen.

Bleiben Sie behütet,
Ihre Pfarrerin Doris Schirmer-Henzler

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