Andacht - 19.03.2021

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Gedanken zu

Hiob 19, 19-27

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich liebhatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? 23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Ich weiß nicht, ob es Sie so sehr betrifft, wie vielleicht mich und andere Eltern von Schulkindern: es gab in diesem Jahr keine Faschingsferien. Seit dem Ende der Weihnachtsferien haben unsere Kinder jetzt seit 10 Wochen durchgehend Schulunterricht, und das auch noch in anderen Formen und die wechseln sich seit 2 Wochen auch immer wieder ab. Das ist anstrengend. Viele Familien, aber auch betreuende Großeltern und andere, die Anteil nehmen, kommen deshalb der Gefühlslage von Hiob ziemlich nahe, die in unserem Predigttext gerade beschrieben wurde: ich gehe auf dem Zahnfleisch: Meine Knochen werden nur durch die Haut und das Fleisch zusammengehalten: so drückt Hiob es aus. Mit anderen Worten: da ist nichts Anderes mehr, was er von sich spüren kann, außer Knochen und Fleisch. Keine Muskeln – er fühlt sich kraftlos. Und, was für mich noch viel schlimmer ist: keine Gefühle mehr: es gibt keinen Optimismus, keine guten Gedanken, keine Träume, keine schönen Erinnerungen mehr, aus denen Hiob Lebenskraft ziehen könnte, die ihm Mut machen und ihm wieder auf die Beine helfen: Hiob ist ausgebrannt. Hiob kennt man nicht anders, er ist die Figur der Bibel, an der gezeigt wird, wie das Leben auch sein kann: grausam, hart, voller Schicksalsschläge – Hiobsbotschaften – und, wie man dabei dennoch an Gott festhalten kann.

Hiob geht auf dem Zahnfleisch, viele von uns auch, und das nicht nur wegen der Pandemie, manchmal reicht auch ein ganz normales Leben, um alle Energie zu verlieren. Hiob legt sich eine Hoffnung zurecht, die ihn durch diese Zeit trägt: irgendwann wird alles besser, irgendwann holt Gott mich hier sicher wieder raus. Spätestens wenn ich keinen Körper mehr habe, also, wenn ich tot bin, werde ich Gott sehen.

Das ist eine klassische Auferstehungshoffnung, die Hiob ausspricht: nach dem Tod wird alles besser.

Ich persönlich bin mir nicht so sicher, wie weit das wirklich trägt; im schlimmsten Fall endet es in einer echten Todessehnsucht, damit die schlimmen Zeiten hier vorbei sind. Nein, so kann Theologie nicht funktionieren, wer so über Gott spricht, macht einen Fehler: er übersieht die ständige, intensive und innige Beziehung, die Gott zu seiner Schöpfung hat. Er steht nicht draußen und schaut zu, wartet ab und die Torte gibt´s für alle dann am Ende. Gott steckt mittendrin. Mit uns, in uns will er die Welt erleben, als Teil jedes Geschöpfes. Er will Freude und Schmerz erleben, Kummer kennen und Zufriedenheit. Gott erlebt unsere Erfolge und Schicksalsschläge mit, als wäre er echt dabei.

Für mich ist das der wichtigste Punkt in einer Gottesvorstellung: dass man das hinbekommt: zu verstehen und auch glauben zu können, dass Gott da ist. Und dass er das auch so will.

In schlimmen Zeiten suchen wir nach Gründen für das, was uns passiert. Das ist klar. Und manchmal finden wir keine Antwort, die uns einleuchtet. Doch dann sollten wir Gott nicht als Ursache verwenden, und ihm die Schuld zuweisen, sondern uns öffnen für die Idee, dass Gott nicht unser Schicksal macht, sondern begleitet. Auch wenn wir keine Antwort haben, ist Gott da. Auch wenn wir uns ausgebrannt fühlen und unsere Seele nicht mehr spüren können – ist Gott dennoch bei und in uns. Wir sind in solchen Ideen nicht sonderlich geübt: der Gedanke, dass es im Leben auch etwas gibt, das sich nicht beweisen lässt, ist sehr schwer für uns. Genauso schwer, wie ein Problem ohne echte Ursache.

Theresa von Avila beschreibt Gott und seinen Beistand in ihrem Leben als innere Burg: wie eine starke Schutzmauer behüten Gott und ihr Glaube ihre Seele: so kann sie nicht ausbrennen oder abhandenkommen. Dieses Bild gibt einen guten Weg vor: wie geht es meiner Seele, und kann ich spüren, dass sie von Gott beschützt ist?

Hiob betet viel, auch klagend und hadernd. So spürt er seinen Gott. Beten ist nicht gerade in, das weiß ich auch. Aber sich mal hinsetzen, seiner Seele nachspüren und dann Gott mit in die Gedanken hinein zu nehmen – wenn man eh schon auf dem Zahnfleisch geht, ist es einen Versuch wert. Amen.

 

Herzliche Grüße von Pfarrerin Kerstin Kowalski

Psalm 43

Schaffe mir Recht, Gott, / und führe meine Sache wider das treulose Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten! 2 Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt? 3 Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung, 4 dass ich hineingehe zum Altar Gottes, / zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. 5 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

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