Andacht - 18.04.2021

Hier finden Sie diese Andacht als Faltblatt zum Weitergeben.

18.04.2021

Johannes 20, 24-29

Vom Zweifel

Gestatten: Mein Name ist Thomas! Sie nennen mich den Ungläubigen! Lange schon, schon immer eigentlich! Aber ich bin nicht ungläubig. Ich hab meine Zweifel – und das ist etwas anderes. Und die Zweifel, denk ich, tun manchmal ganz gut. Ich steh zu ihnen. Und der, dem ich glaube, versteht mich! Was ich gesehen habe, habe ich gesehen. Und was ich nicht gesehen habe, habe ich nicht gesehen. Und gesehen habe ich, dass sie ihn fertig gemacht und ans Kreuz geschlagen haben. Und wenn ihr ihn danach gesehen habt, dann will ich euch glücklich preisen! Aber lasst mir meinen Zweifel! Mag sein, es stimmt, was ihr sagt – nur: Ich kann es nicht fassen!

Mag sein, ihr Frauen oder du, Petrus, dass ihr ihn gesehen habt – nur: Ich selbst hab ihn nicht gesehen!

Aber ich will ihn sehen!

Versteht ihr das? Wie?

Wer nicht hören will, muss fühlen? Aber ist denn „Fühlen“ etwas Schändliches? Ich will es genau wissen! Meinen Finger in die Wunde legen! Nein, nicht alte Wunden aufzureißen! Es brennen die neuen noch! Nicht nur die Mächtigen dort droben haben alles getan haben, ihre Macht zu demonstrieren. Auch wir, die Freunde, haben alles getan haben, den Freund zu verraten und zu verkaufen. Als es darauf ankam, war er allein. Sein Tod macht mir zu schaffen – das müsst ihr mir glauben! Und wenn da etwas sein soll von ihm, was nicht im Tod geblieben ist, höre ich das und will mich auch gerne für euch freuen! Aber begreifen muss ich es selbst! Und so, wie ich’s kann! Ihr macht es euch zu leicht, mich den „ungläubigen Thomas“ zu nennen! Ich habe an Jesus geglaubt. Zur Mitte meines Lebens ist er geworden. Aber jetzt, wo er nicht mehr da war, wollte ich lernen, mit mir selbst klarzukommen. Und ohne zu trauern, geht das nicht. Aber irgendwann spürte ich: Meine Trauer – sie wird mir zum Grab. Die Frauen – die Freunde – alles, was war, was ist, was sein würde: Es interessiert mich nicht, belastet mich nur. Bis mir zu dämmern begann, dass das ja unsere Frage an ihn schon früher war. Auf dem Weg nach Jerusalem. Und er damals? Er sagte: Es muss das Samenkorn erst tief in den Boden und sterben, erst so werde es stark und bringe Frucht! Und darüber zu sprechen, Freunde – bin ich hier! Was dann geschah – nun ja: Ihr wisst! Wir hatten uns verabredet, heimlich – es erschien uns geboten. Wir schlossen die Fenster und Türen – wollten unliebsame Besucher vermeiden. Man konnte nicht wissen! Und auf einmal – mitten unter uns: er. Schalom, so seine Worte – ich bringe euch Frieden! Und dann wandte er sich an mich – warum nur an mich? Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wollte es genau wissen. Sie fühlen, die Wunde. Dicht an ihn heran wie ein Kind. Und er?

Er ließ es – nahm meine Hand – tat sie in die seine – und führte sie zur Wunde.

Er ließ sie, meine Zweifel – wehrte sie nicht ab. Ich hätte meinen Finger wie einen Nagel tief in die Wunden seiner Hände stoßen können. Ich hätte meine Hand wie eine Lanze tief in seine Seitenwunde drängen können. Er aber sagte: Reich’ mir deinen Finger – reich’ mir deine Hand – ich will dich führen! Er wollte meinen Finger und meine Hand zum Grund meines Zweifels führen! Und darauf sagte er nur das: Gut jetzt, Thomas? Dann lass’ es und glaub’! Und ich ließ es und glaubte. Weiß Gott, ein Weltmeisterglaube war es auch dann nicht! „Mein Gott“, brachte ich stammelnd nur heraus!

Ich erinnere mich noch heute. Jesus war’s genug! Lang blieb er nicht an diesem Abend. Und als er ging, wandte er sich noch mal um zu mir, meinte, ich habe ihn ja nun gesehen und sei deswegen überzeugt! Freuen sollten sich alle; die auch, die ihn nicht sehen und doch glauben! Etwas Schöneres, Freunde, hätte er mir gar nicht sagen können. Denn meine Zweifel, nicht nur meine, deine und eure doch wohl auch: sie sind, wie sie sind, stehen dem Sehen oft genug gerade im Weg, machen es klein, verhindern es. Ganz ohne Zweifel: es hat dich der Tod nicht festhalten können! Dein Friede, Christus: höher als alle Vernunft! Und lebendig, wie es lebendiger nicht geht!

Amen.

Bleiben Sie gut behütet,

Pfr. Wolfgang Blöcker

Tags: