Andacht - 15.08.2021

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15.08.2021 Gedanken zu Epheser 2,4-10, 1-12
Wie ist Gott?
Stellen wir uns einmal Gott vor:
Gott ist ein Mann, der älter geworden ist, ein Großvater, gütig und mit einem freundlichen Gesicht. (Ja, o.k., vielleicht ist sie auch wie eine Frau, alt geworden und weise – aber ich bleibe mal beim“ Er“. Ersetzen Sie es einfach durch ein „sie“,) Er sitzt in seinem Garten, und wir dürfen ihn besuchen. Der alte Mann freut sich über jeden Besuch von Menschen. Ansonsten sind die Blumen seine Liebe, die Büsche und Bäume, die Vögel, Fische, Insekten und was sonst noch kreucht und fleucht.
Doch am meisten freut er sich, wenn Menschen zu ihm kommen und mit ihm reden wollen.
Oft sitzt er allein in seinem Garten und macht sich Gedanken über die Welt, die er einmal geschaffen hat. Vieles ist anders geworden. Die Menschen können Häuser bauen, gegen die der Turm zu Babel ein Spielzeug ist. Sie können fliegen, können die Weltmeere bereisen und haben keine Scheu weder vor Hitze noch vor Kälte. Sogar auf dem Mond, den Gott einmal in den Himmel gesetzt hatte, sind sie zu Besuch gewesen.
Gott wundert sich über die Krankheiten, die die Menschen heute heimsuchen. In der heutigen Zeit ist es eine Corona-Pandemie, die die ganze Welt befallen hat. Wie konnte es dazu kommen, dass ein kleines Virus die Menschen krank macht?
Die Ängste werden unter ihnen immer stärker.
Die Menschen, die Gott einmal geschaffen hat, wollen sich nicht mehr berühren und anfassen.
Sie gehen sich aus dem Weg.

Sie tragen eine merkwürdige Maske vor dem Gesicht. Und trauen sich immer weniger, einander zu begegnen und miteinander zu reden, obwohl es Schutzmöglichkeiten gibt,
die er ihnen alle geschenkt, ihnen eingegeben hat.
Gott nimmt sich vor, den ersten Menschen, der zu ihm kommt, dazu zu befragen …
Vielleicht haben wir uns auch einmal in dieses Paradies Gottes verirrt. Wollten wir zu Gott, oder sind wir zufällig zu ihm gestoßen?
Ich weiß nicht recht, ob ich es wirklich mit Gott zu tun habe. Aber der alte Mann bittet uns, bei ihm Platz zu nehmen. Wir setzen uns auf das alte Gar-tensofa unter der Laube. Und wir fühlen uns auf geheimnisvolle Weise wohl neben Gott.
Lass dich anschauen, sagt er.
Und er schaut. Mit einem einzigen Blick sieht uns Gott als beides, als neu geboren und sterbend, die Neugier und Sehnsucht, die Angst und die Trä-nen. Mit einem einzigen Blick sieht er unsere Ge-burt und unseren Tod und all die Jahre dazwi-schen.
Er sieht uns, als wir jung waren, als wir für ihn schwärmten und ihm vertrauensvoll überall hin folgten, als unsere Schrammen und blauen Flecke schnell heilten und wir voller Staunen waren über alles Neue. Er sieht uns, als wir jung waren und dachten, dass es nichts gäbe, das wir nicht tun könnten.
Er sieht uns auch in unseren mittleren Jahren, als unsere Kräfte unbegrenzt schienen. Als wir den Haushalt versorgten, kochten, putzten, Kinder hü-teten, arbeiteten und ehrenamtlich tätig waren..., als alle uns brauchten und wir kaum Zeit zum Schlafen fanden.
Und Gott sieht uns in unseren späteren Jahren, als wir uns nicht mehr so gebraucht fühlten, als chaotische Zustände den Rhythmus unseres Körpers durcheinander brachten, auf den wir gelernt hatten, uns zu verlassen. Er sieht uns al-lein in einem Zimmer schlafen, in dem einst zwei geschlafen hatten. Gott sieht Ereignisse unseres Lebens, die wir vergessen haben, und solche, von denen wir noch nichts wissen. Denn nichts ist dem Blick Gottes verborgen.
Nachdem er uns lange genug angesehen hat, könnte Gott sagen: "Und nun erzähl, wie geht es dir?" Jetzt haben wir Angst, unseren Mund aufzu-machen und ihm all das zu sagen, was er ja schon weiß: wen wir lieben, wo wir verletzt sind, was wir zerbrochen oder verloren haben, was wir einmal gerne geworden wären. So sagen wir lieber nichts, um nicht in Tränen auszubrechen.
Also wechseln wir das Thema: "Weißt du noch, als...", beginnen wir. "Ja, ich erinnere mich", sagt er. Auf einmal reden wir beide zugleich, ohne ei-nen Satz zu beenden. Wir sagen all die Dinge, die auf den Grußkarten nie zu lesen waren:
"Es tut mir leid, dass ich... "- "Schon gut, ich ver-zeihe dir." - "Ich wollte nicht..." - "Das weiß ich, ich weiß." -"Ich war so wütend, dass du mich geschla-gen hast." - Es tut mir leid, dass ich dir weh tat. Aber du wolltest nicht auf mich hören." "Du hast recht, ich wollte nicht hören. Ich hätte es sollen. Jetzt weiß ich es, aber damals musste ich es auf meine Weise tun." - "Ich weiß", nickt er, "ich weiß."
Wir wenden den Blick von ihm ab und lassen ihn über den Garten schweifen. "Ich habe nie ge-glaubt, deinen Erwartungen entsprechen zu kön-nen", sagen wir. - "Und ich dachte immer, du könntest alles", antwortet er. "Wie, steht’s mit deiner Zukunft?" fragt er uns. Wir stottern irgendeine Antwort, weil wir unserer Zukunft nicht ins Gesicht sehen wollen. Gott spürt unser Zögern und versteht.
Nachdem wir nun schon mehrere Stunden sitzen und Tee trinken und es endlich nichts mehr zu sa-gen oder zu hören gibt, beginnt Gott zu summen.
Das versetzt uns zurück in eine Zeit, als unser Fieber nicht sinken wollte und wir nicht einschla-fen konnten, erschöpft vom Weinen, aber unfähig aufzuhören. Er hob uns auf, hielt uns fest an seine Brust gedrückt, bettete unseren Kopf in seine Handfläche und ging mit uns auf und ab. Wir konnten sein Herz schlagen hören und das Sum-men aus seinem Hals:
O ja, da war’s, wo wir lernten, Tränen abzuwi-schen. Von ihm lernten wir, ein weinendes Kind zu trösten und jemanden im Schmerz zu halten.
Und wir merken, wo wir sind. Und Gott schaut sein Geschöpf an. Doch, sagt er, es ist sehr gut!
Was ist dir am Besten gelungen, fragt uns Gott.
Ich denke nach. Ich glaube, sage ich, das wich-tigste war, dass ich oft das Gefühl hatte, keine Angst haben zu müssen, auch wenn das Leben einmal stürmisch ist. so wie das damals die Jün-ger Jesu, im Schiff, als der Sturm kam und sie merkten, solange Jesus mit ihnen im Boot ist, so-lange du Gott mit uns im Boot bist ist es in Ord-nung. Auch wenn die Wasser kommen.
Und ich erinnere mich an das Wort der Mystikerin Theresa von Avila, aus dem Mittelalter.
„Ich bin so geborgen, wie die Feder im Sturm.
Wenn ich auf Wellen geweht werde, ertrinke ich nicht, wenn ich gegen Felsen geschleudert werde, zerbreche ich nicht. Ich bin so geborgen, wie die Feder im Sturm.“
Ein Gefühl der Dankbarkeit hat sich dann in mir warm ausgebreitet. Gott lächelt wieder:
Ganz mein Geschöpf, sagt er zu sich.
Warst du in deinem Leben glücklich, fragt Gott uns Menschen. Ich hatte oft den Eindruck, etwas zu erleben, was ich eigentlich nicht verdient habe,
sagen wir. Es war mehr als Zufall.
Es war wie ein Geschenk, sage ich und blicke den alten Mann an und bin glücklich.

Gott ist gerührt. Die Gesichtszüge des alten Man-nes werden noch gütiger. Kommt her, sagt er zu uns. Und wir gehen zu Gott, und der alte Mann legt uns die alten Hände segnend auf.
Seine ganze Liebe umhüllt uns wie einen Schutz.
Ich freue mich, dass du zu mir gekommen bist, sagt Gott zu uns und sein altes Gesicht strahlt von innen. Und nun geht in euer Leben, und gebt die Liebe weiter, das Leben, die Freude, das Ge-spräch! Ach und manchmal auch Umarmung und Tränen. Teilt die Liebe, dann wird sie immer mehr. Schaut doch um euch!
Wahrscheinlich hatte der „Paulus“ des Epheser-briefs ein ganz anderes Bild von Gott.
Vielleicht haben wir alle völlig verschiedene Bilder von Gott.
Gott hat viele Gesichter. Es gibt kein Bild von Gott. Mann oder Frau?
Hauptsache, Gott ist reich an Erbarmen, voll von Liebe und erfüllt von Leben! Das hat er, das hat sie uns in Jesus Christus gezeigt. Und der ist in uns, um uns und vor uns. Gott sei Dank!
Zum Abschluss lese ich den Predigttext aus dem Epheserbrief 2, Verse 4-10:
Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht … und er hat uns mit ihm auferweckt und mit eingesetzt im Him-mel in Christus Jesus, damit er in den kom-menden Zeiten erzeige den überschwängli-chen Reichtum seiner Gnade, durch seine Güte gegen uns in Christus Jesus. Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch; Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Chris-tus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor be-reitet hat, dass wir darin wandeln sollen.
… Dann berührt Gott unsern Arm und bringt uns aus der Nostalgie längst vergangener Zeiten zu-rück in die Gegenwart und Zukunft. "Du wirst immer mein Kind bleiben", sagt er oder sie, "aber du bist kein Kind mehr. Werde älter, zu-sammen mit mir. Das Beste steht noch aus, die letzte Phase des Lebens, für die die erste ge-macht war." Wir werden älter, so wie Gott älter wird. Wie ähnlich sind wir einander geworden.
Für uns, wie für Gott, bedeutet älter werden, den Tod vor Augen haben. Natürlich wird Gott niemals sterben, aber sie hat mehr ihrer Lieben begraben, als wir jemals lieben werden. In Gott erkennen wir, "welch heilig Ding es ist zu lieben, was der Tod berührt". Wie sie können wir heilig sein, die lie-bend, die der Tod berührt, uns selbst mit einge-schlossen, unser älter werdendes Selbst.
Gott nimmt unser Gesicht in ihre beiden Hände und flüstert: "Hab’ keine Angst", ich will treu zu dem Versprechen stehen, das ich dir gab, als du jung warst. Ich werde bei dir sein. Noch im hohen Alter werde ich bei dir sein und dich halten, wenn du grauhaarig bist. Ich habe dich geboren, ich trug dich, ich halte dich fest. Werde alt mit mir..."
Amen

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