Andacht - 14.03.2021

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14.03.2021

Johannes 12, 20-24

Du musst ihn unbedingt sehen

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt
und erstirbt, - bleibt es allein;
wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Auch Sie haben bestimmt schon von einer Freundin oder einem Freund so eine begeisterte Empfehlung bekommen. Der neue Film zum Beispiel, der absolut sehenswert ist und den Sie auf keinen Fall verpassen dürfen. Es entsteht der Eindruck, dass einem im Leben etwas fehlen würde ohne diesen Film.

Dazu gehören Gefühle und Gedanken, die mein Leben reicher machen werden. Atemberaubende Bilder, die sich einprägen. Oder es gibt eine Pointe, die mir etwas sagen soll. Ändere dein Leben. Sei nicht traurig, alles wird gut. Trau dich, deine Träume zu leben. Bleib bei dem Menschen, der dein Herz schneller schlagen lässt.

Es gibt Filme, die bewegen unser Gewissen und motivieren uns, Verantwortung zu übernehmen. Andere machen das Herz weich, rühren die Seele an, erzählen von Liebe, Verständigung und Frieden. Vielleicht haben Sie längst einen solcher Filme vor Augen.

Oder Ihnen ist ein Buch eingefallen, das Sie nachhaltig geprägt hat. Da gibt es Sätze, die wahr sind und uns wachrütteln. Es gibt auch Konzerte, die lange nachklingen, trösten oder eine richtige Kraftquelle sein können.

Die Männer in unserem Predigttext wollen Jesus unbedingt explizit sehen.

Von ihm zu hören oder zu lesen reicht ihnen nicht. Und wenn es damals schon Fotos und Filme gegeben hätte, so vermute ich, dass auch das ihnen nicht gereicht hätte. Sie wollen ihn selber mit eigenen Augen sehen.

Ich sehe die Männer vor mir und male mir aus: Sie hatten lange auf dieses Wochenende gewartet. Nun sind sie endlich unterwegs: Vorbereitet, gut gekleidet und ein bisschen aufgeregt. Weil sie Griechisch und nicht aramäisch wie die Einheimischen in Palästina sprechen.

Die beiden bahnen sich ihren Weg durch die Menschenmassen zum großen Festplatz. Die Stadt ist voll. Stimmengewirr, Kinderschreie, Hundegebell, Gerüche der Essensbuden und Musik füllen die Gassen der Stadt. Sie lieben diese unvergleichliche Stimmung. Sie gehört ebenso wie die Vorfreude für die beiden zum Fest unbedingt dazu. Sie freuen sich so auf das Ganze. Auf die feierliche Stimmung, auf Gespräche mit alten Bekannten, leckeres Essen, guten Wein und natürlich auf die langen, stillen Gebetszeiten.

Völlig übermüdet werden sie heimkehren, das ist völlig klar. Die beiden jungen Männer sind sich aber sicher, dass sie erfüllt nach Hause zurückkehren werden. So viele Highlights warten auf die beiden. Das größte aber scheint diese eine Person zu sein: „Ihr müsst ihn unbedingt sehen“, hatte ihnen eine Freundin begeistert erzählt. Ihre Augen hatten dabei geleuchtet. Eindringlich hatte sie die beiden Männer angeschaut. „Unbedingt. Ihr müsst ihn sehen!“ Mehr hatte sie ihnen nicht verraten.

Was genau an einer Begegnung mit dieser Person Jesus so bemerkenswert sein sollte, wussten sie noch nicht. Aber sie würden es schon noch erfahren. Ganz bestimmt würden sie ihn suchen, sich bei seinen Anhängern durchfragen und dann hoffentlich ganz nah an ihn rankommen. „Freut euch drauf!“

Das war das Letzte gewesen, was sie zu ihnen gesagt hatte. Und dann hatte sie ihnen fröhlich hinterhergewinkt. Ihre Freundin war glücklich von ihrer Begegnung mit Jesus zurückgekehrt. Und das wollten sie auch. Wo sie ihn wohl treffen würden? Bestimmt irgendwo, wo es richtig gemütlich ist. Oder wo es das beste Essen gibt? Zumindest würden sie ihn in den schmuddeligen Seitenstraßen nicht treffen. Am besten würden sie gleich morgen mal zum großen Tempelplatz gehen. Da war immer richtig was los. Sie freuten sich schon so. Jetzt waren sie ganz nah dran.

„Freut euch!“, das ist die Aufforderung des heutigen Sonntags Lätare.

Als wenn das so einfach auf Knopfdruck gehen würde, sich zu freuen. So einfach ist das nicht. Das weiß jeder, der alleine lebt, der nicht mehr weiter weiß, der von Corona gelähmt oder von böser Krankheit geschwächt ist. Beunruhigend die Nachricht gestern, dass die neue Coronavariante aus England sich ungebremst exponentiell verbreitet: eine Verdoppelung alle 12 Tage; bei uns steigt der Wert von 43 auf 56, weit weg von den 300 in Hof…

Und doch legt uns der heutige Sonntag nahe, dass Christinnen und Christen wahren Grund zur Freude haben. Mitten in der Passionszeit, in der wir auf den menschlichen Jesus schauen, wie er gezweifelt und gelitten hat, feiern wir diesen vorösterlichen Gottesdienst mit dem Thema und Namen: Freut euch!

Wer so ruft oder gar mahnt, muss Jesus in einer Weise erfahren haben, die glücklich macht, die das Leben erfüllt, die es mit etwas reicher macht, was sonst fehlen würde. Irgendetwas Existenzielles würde ihnen ohne Jesus fehlen.

Davon müssen auch die Männer im Johannesevangelium ausgehen, die Jesus unbedingt sehen wollen. Allerdings müssen sie feststellen, dass sich das nicht so leicht verwirklichen lässt. Alleine schaffen sie es nicht. Sie brauchen Fürsprecher, denn ihnen fehlt noch der Zugang zu Jesus. Sie brauchen Beziehungen, um an ihn heranzukommen. Als Griechen wenden sich die beiden an griechisch abstammende Jünger Jesu. Das kennen wir vermutlich selbst, dass es leichter ist, jemanden zu fragen, mit dem man sich verbunden fühlt.

Vielleicht reicht es dem Autor der Erzählung daher auch nicht, dass die beiden Männer einen Jünger um Hilfe bitten. Dieser wiederum holt sich bei einem anderen Jünger Unterstützung. Gemeinsam gelangen die beiden Mittelsmänner zu Jesus.

Was dann geschieht, ist merkwürdig. Anstatt die fremden Männer mit offenen Armen zu empfangen, auf sie zuzueilen oder ihnen die Hände aufzulegen, ist nicht klar, ob Jesus sie überhaupt empfängt.

Stattdessen sagt Jesus etwas. Er will den beiden und mit ihnen allen, die von dieser Begebenheit hören und lesen werden, also auch uns, die Augen für das größte Geheimnis des Glaubens öffnen. Mit dem Bild vom Weizenkorn spricht er über sein Sterben, seine Auferstehung und Erhöhung.

Jesus lenkt den Blick auf seine Verherrlichung, wie es Johannes am Anfang seines Evangeliums nennt, auf das Wunder von Ostern. Mit Jesu Tod und Auferstehung holt Gott den Himmel auf Erden und verwandelt irdisches in himmlisches Leben. Die Grenze zwischen oben und unten, zwischen Leben und Tod, zwischen Licht und Schatten weicht auf.

Das, was unser Leben reich macht, was wir unbedingt sehen sollen, das ist die Erkenntnis:  Es gibt kein Leben ohne den Tod. Kein Weizen kann wachsen, wenn nicht das Korn oder zumindest Teile davon in der Erde verfaulen. Dafür wächst eine neue Pflanze heran, die zigfach neues Leben ermöglicht. Alles neue Leben ist ja schon in diesem kleinen Korn angelegt.

Halt das stimmt gar nicht.

Das Korn stirbt eigentlich gar nicht, so wie es im ersten Satzteil heißt. – und verfault in der Erde: Nein, es trägt in sich den Keim neuen Lebens. So wie Ostern.

Jesus spricht von sich und von uns. Er spricht nicht vom Sterben, als von etwas, das ein Ende ist, sondern wie es von Dietrich Bonhoeffer in seinen letzten überlieferten Worten überliefert ist von einem neuen Anfang: Daß das Geheimnis des Lebens siegt, trotz und in allem Sterben, das wir erleben,

Und das ist Ostern.

So ist auch in jeder und jedem von uns dieser Keim angelegt, der viel Frucht bringen kann. Wenig später im Johannesevangelium verspricht Jesus, dass mit seiner Verherrlichung alle, die sich nach ihm sehnen, die ihn suchen, zu ihm emporgezogen werden. Nicht nur die, die schon alles wissen. Oder die sich an seine Gebote halten und ihr Leben streng und geradlinig auf Gott ausrichten. Auch die mit den Kurven und Umwegen, die Zweifler und Ängstlichen zieht er zu sich. Alle, die sich sehnen, die sich zu ihm hingezogen fühlen. (Joh 12,32)

Das ist die Fülle des Lebens. Die sonnigen, glänzenden Seiten des Lebens und die dornigen, schattigen Momente gehören dazu. Leben ist voller Höhenflüge und den Abstürzen in unerträgliche Tiefen. Gerade dann, wenn wir Sehnsucht nach Heil, Heilung, nach Trost und Zukunft spüren, sind wir seiner ausgestreckten Hand ganz nahe. Darum haben wir Grund zur Freude.

Jesus gibt uns neue Perspektiven, ohne die unser Leben ärmer wäre. Darum müssen wir ihn unbedingt sehen. So sehe ich das. Nur wie, da lasse ich mir von Jesus und anderen Menschen, gerne auch durch Ihre Erfahrungen noch vieles zeigen und die Augen öffnen. Ich freue mich schon.

Amen.

Bleiben Sie behütet, ihr Pfr. Christof Henzler

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