Andacht - 14.02.2021

Hier finden Sie diese Andacht als Faltblatt zum Weitergeben.

14.02.2021
Jesaja 58,1-9
Herr Mustermann
und der Glaube

Liebe Gemeinde,
heute möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Die Geschichte habe ich frei erfunden und sie versucht unseren Predigttext in die heutige Zeit zu verpflanzen. Sie handelt von Herrn Mustermann und seiner Familie. Der Charakter des Herrn Mustermann wird sehr übertrieben dargestellt. Die Geschichte ist nicht abhängig vom Geschlecht. Das heißt alle Menschen sind gleichermaßen betroffen von der Gefahr der falschen Frömmigkeit, denn darum geht es heute. Und so ein kleiner Herr Mustermann kann in jedem von uns sitzen.
Herr Mustermann ist ein frommer Mann. Er liest jeden Tag in der Bibel, fastet immer streng vor Ostern, trinkt keinen Alkohol und geht nicht zu frivolen Veranstaltungen wie Fasching oder Ähnlichem. Er besucht mit seiner ganzen Familie regelmäßig den Gottesdienst, engagiert sich sowohl für die Kirche als auch für gemeinnützige Vereine. Er bekleidet gleich mehrere Ehrenämter bei der Feuerwehr, beim Roten Kreuz, im Kirchenvorstand und im Dekanat. Sein neustes Projekt ist eine Gruppe, die sich für Fremde und Asylbewerber einsetzt. Beruflich arbeitet Herr Mustermann als Abteilungsleiter eines großen Pharmaunternehmens. In der Arzneimittelherstellung dürfen keine Fehler passieren, Arzneimittel müssen sicher sein, sonst sind Menschen gefährdet. Herr Mustermann ist deshalb sehr streng und besonders stolz darauf, dass in seiner Abteilung noch nie etwas schiefgelaufen ist.
Herr Mustermann sagt gerne, sein Name wäre seine Berufung, Mustermann ist mustergültig. Er weiß, dass sie ihn hintenherum oft als Musterchrist bezeichnen und darauf ist er stolz.
Erst diesen Sonntag hört er wieder, wie die Messnerin nach dem Gottesdienst zu seiner Frau sagt: „Also Frau Mustermann, Sie können wirklich froh sein, so einen Mann und zwei solch vorbildliche Kinder zu haben. Sie machen ihrem Namen alle Ehre, ich sage immer, das ist unsere Musterfamilie.“ Frau Mustermann lächelt etwas dünn, nickt ganz leicht mit dem Kopf und schweigt. Eigentlich hätte sie gerne ihren Mund aufgemacht und einige Dinge erzählt. Zum Beispiel, dass in der Abteilung ihres Mannes alle Angestellten ständig Angst haben ihren Job zu verlieren. Denn beim kleinsten Fehler werden sie von Herrn Mustermann entlassen, er kennt da keine Gnade. Auch betrachtet er es als selbstverständlich, dass seine Mitarbeiter zu jeder Zeit und völlig kurzfristig Überstunden leisten, genauso wie er das selbst auch tut. Zusammen mit der Arbeit seiner vielen Ehrenämter bleibt da kaum noch Zeit für die Familie übrig. Frau Mustermann fühlt sich eigentlich wie eine alleinerziehende Mutter. Ihr Mann stellt nur Forderungen. Zum Beispiel dürfen die Kinder nicht zu Faschingsveranstaltungen, Rock-Konzerten oder anderen Partys. Sie müssen regelmäßig zur Kirche, sonst gibt es großen Ärger. Beide Kinder sind jetzt in der Pubertät, lehnen sich auf gegen den strengen Vater. Letztens gab es Ohrfeigen für beide und um ein Haar hätte er auch seine Frau geschlagen. Mit seinem jüngeren Bruder liegt er seit Jahren im Streit, kein Wort hat er mehr mit ihm gesprochen. Erst gestern ist der Bruder an der Tür gestanden, hat sich entschuldigt und um Verzeihung gebeten. Herr Mustermann hat ihm wortlos die Tür vor der Nase zugeschlagen. All das hätte Frau Mustermann gerne erzählt, doch sie schweigt und lächelt. Aber auf dem Nachhauseweg fasst sie einen Entschluss. Am nächsten Tag geht sie ins Büro ihres Mannes und redet sich endlich alles von der Seele. Sie sagt ihm, dass sie eine Pause braucht: „Ich ziehe mit den Kindern zu meiner Schwester. Nimm dir Zeit, denk über alles nach, was ich dir gesagt habe. Du bist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe und mit dem ich alt werden will.“ Herr Mustermann fällt aus allen Wolken, er versteht die Welt nicht mehr und er beklagt sich bei seinem Gott: „Ich habe mich redlich bemüht ein guter Christ zu sein, warum tust du mir das an, warum lässt du zu, dass mich meine Familie verlässt?“ Den ganzen Tag bemitleidet er sich selbst und hadert mit seinem Schicksal und mit seinem Gott. Als er abends nach Hause kommt, liegt seine Bibel aufgeschlagen auf dem Küchentisch. Jesaja 58, die Verse 1-9 sind angestrichen.
1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Herr Mustermann denkt lange über diesen Text und sein Leben nach. Folgende Gedanken gehen ihm durch den Kopf: Gott will nicht, dass ich in Sack und Asche gehe und den Kopf hängen lasse. Fasten, in der Bibel lesen, den Gottesdienst besuchen ist ja etwas Gutes, doch es soll der Ehre Gottes dienen und nicht meiner eigenen Ehre, es soll wie ein Gebet sein. Mit Gott kann ich nicht rechten, ich kann seine Güte und Liebe nicht einfordern. Ich kann sie mir nicht erkaufen oder verdienen durch ein frommes Leben. Bei allem was ich tue darf ich meine Mitmenschen nicht vergessen. Wie heißt doch das höchste Gebot: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Meine Frau hat recht, ich bin kein Musterchrist und Gott will das auch gar nicht. Und so versucht Herr Mustermann sich zu ändern, das ist gar nicht so leicht. Er ist nach wie vor ein strenger Vorgesetzter, aber nach einiger Zeit haben seine Mitarbeiter keine Angst mehr, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Seine Familie kehrt zu ihm zurück. Ohrfeigen wird es nicht mehr geben, dafür mehr Freiheiten für die Kinder. Mehr Zeit hat Herr Mustermann jetzt auch, denn bis auf sein Herzensprojekt für Fremde und Asylbewerber hat er alle Ehrenämter in andere Hände gelegt. An der Sache mit seinem Bruder arbeitet er noch. Sein Bruder hat ihn vor Jahren so tief verletzt, das kann er ihm einfach nicht verzeihen, zumindest noch nicht. Doch eines weiß Herr Mustermann inzwischen ganz sicher: Gott liebt mich, er liebt mich mit all meinen Fehlern. Ich brauche keine Leistung für Gottes Liebe zu bringen, ich brauche nicht mustergültig zu leben. Und so versucht er einfach, Gottes Liebe so gut es ihm gelingt an seine Mitmenschen weiterzugeben, und vertraut darauf, dass der Schlussvers des Jesajatextes in seinem Leben Wirklichkeit wird.
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Amen.
Bleiben Sie behütet
Ihre Sabine Greiner-Fuchs, Prädikantin

Tags: