Andacht - 13.06.2021

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13.06.2021
2. Sonntag n. Trinitatis

1 Korinther 14, 1-12

Sprache,
die verbindet

Verstehen wir einander eigentlich, oder ist es wie in dem Witz: „Unser Pfarrer ist wie der liebe Gott. Während der Woche ist er unsichtbar und am Sonntag unbegreiflich.“

Das Problem, das ich hier andeute, ist nicht neu. Die gesamte Messe wurde in Latein gehalten. Die Reformation sorgte dafür, dass die Bibel ins Deutsche übersetzt wurde und deutsche Kirchenlieder und Gottesdiensttexte entstanden.

In der Urkirche war das Problem etwas anders gelagert. Da war es die sogenannte Zungenrede, die dem Verstehen im Wege stand. Vor allem in der christlichen Gemeinde von Korinth. Was ist das,Zungenrede?

Die christliche Urkirche hat dieses Gottesdienstelement schnell verloren. Erst im Jahr 1906 in Los Angeles wurde es wiederentdeckt – die Pfingstbewegung entstand und in Pfingstkirchen kann man das erleben.

Man muss sich das so vorstellen, dass einzelne Christen während des Gottesdienstes undefinierbare Laute von sich gaben, Worte, die man nicht verstehen kann. In manchen Gemeinden ist es üblich das in einem harmonischen Singsang zu tun. In einer Art Trance sprechen und brabbeln sie. Das gibt es in vielen Religionen, auch bei Schamanen.
Das ist wohl innerlich befreiend, so habe ich es in schwarzen Gemeinden erlebt, in weißen Gemeinden aber oft auch dogmatisch einengend, als äußerliches Anzeichen eines angeblich wahren, echten Glaubens. Zu diesem trennenden „Recht haben wollen“ aber später!

In Korinth galt sie als ein besonderes Geschenk des Heiligen Geistes.

Paulus jedoch sah die Zungenrede kritisch.

Er lehnte sie zwar nicht prinzipiell ab, aber hielt sie lediglich für eine Geistesgabe unter vielen und nicht einmal für die wichtigste.

Gegenüber der Gemeinde von Korinth äußert er sich in einem Brief so: 1. Kor 14,1-12

Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!
Strebt nach den Gaben, die der Heilige Geist schenkt, vor allem aber danach, als Prophet zu reden. Wer in Zungen redet, spricht nicht zu den Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn. Was er unter dem Einfluss des Geistes sagt, bleibt vielmehr ein Geheimnis. Wer dagegen prophetisch redet, spricht zu den Menschen. Er baut die Gemeinde auf, er ermutigt die Menschen und tröstet sie. Wer in unbekannten Sprachen redet, baut damit nur sich selbst auf. Wer aber als Prophet redet, baut die Gemeinde auf. Ich wünschte mir, dass ihr alle in unbekannten Sprachen reden könntet. Noch lieber wäre es mir, wenn ihr als Propheten reden könntet. Wer als Prophet redet, ist bedeutender als derjenige, der in unbekannten Sprachen redet – es sei denn, er deutet seine Rede auch. Das hilft dann mit, die Gemeinde aufzubauen.

Was wäre, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch komme und in unbekannten Sprachen rede. Was habt ihr davon, wenn ich euch nichts Verständliches vermittle? So ist es ja auch bei den Musikinstrumenten, zum Beispiel bei einer Flöte oder Leier: Nur wenn sich die Töne unterscheiden, kann man die Melodie der Flöte oder Leier erkennen. … Genauso wirkt es, wenn ihr in unbekannten Sprachen redet. Wenn ihr keine verständlichen Worte gebraucht, wie soll man das Gesagte verstehen können? Ihr werdet in den Wind reden!
So viele Sprachen gibt es auf der Welt. Wenn ich eine Sprache nicht verstehe, werde ich für den ein Fremder sein, der sie spricht. Und wer sie spricht, ist umgekehrt ein Fremder für mich.

Das gilt auch für euch. Ihr strebt nach den Gaben des Heiligen Geistes. Dann strebt nach Gaben, die die Gemeinde aufbauen. Davon könnt ihr nicht genug haben.

Auch wenn in unserer Kirche die Zungenrede nicht mehr praktiziert wird, ist die Empfehlung des Paulus für mich interessant.
Er empfiehlt zwar die Zungenrede aber höher stuft er die prophetische Rede ein.

Unter prophetischer Rede versteht der Apostel nicht eine Zukunftsvorhersage, wie es in unserer Theologie und Kultur seit Jahrhunderten falsch verstanden wird.

Den Propheten Israels, von Jesaja bis Amos, von Sacharja bis zu Johannes dem Täufer ging es darum, den Menschen die Augen zu öffnen,
zu beschreiben, wie das Leben, der Alltag aus der Sicht Gottes ausschaut.

Es geht darum, die Wirklichkeit unserer Welt und Gesellschaft im Licht Gottes zu sehen.

Nicht um Tradierung angeblichen Wissens von Gott: Weder die geheime Zukunft noch allzu richtige Lehren, sondern um das, was Kopf und Herz der Hörer erreicht, was ermutigen, ermahnen und trösten kann.

Wer schaltet nicht ab, wenn in unseren Gottesdiensten antiquiert anmutendes Vokabular mit solchen Begriffen wie Sünde und Gnade, Rechtfertigung und Erlösung erscheint?

Die Kirchensprache erzeugt vor allem das wohlige Gefühl, dass alles passt und in Ordnung ist, aber lullt damit ein, so dass die Richtigkeiten den Blick auf die Wirklichkeit verstellen.

Das Evangelium jedoch muss immer wieder neu in den Alltag der Menschen übersetzt werden, damit es bei ihnen ankommt.
Das aber ist leichter gesagt als getan.

Vor nicht allzu langer Zeit haben zwei Journalisten ein Buch mit dem Titel „Phrase unser“ veröffentlicht, in dem sie die Kirchensprache kritisch unter die Lupe nehmen. Eine Phrase ist bekanntlich eine Aussage ohne echte Substanz. Sie beklagen, dass in den Kirchen allzu oft Phrasen gedroschen werden, was sie darauf zurückführen, dass die Kirchen gegenwärtig eine tiefe Glaubens- und Identitätskrise durchlaufen. Wie es diese Woche Kardinal Marx ausgedrückt hat, dass seine Kirche an einem „toten Punkt“ angelangt sei.

In unserer evangelischen Kirche hoffe ich gnädiger sein zu dürfen, aber es fallen mir auch  Beispiele ein, wo Anspruch und Verhalten auseinanderklaffen.

Was also tun, frage ich.

Was tun, damit das Evangelium wieder neu gehört und verstanden wird?

Der Brief des Apostels Paulus liefert einen Hinweis. „Bleibt unbeirrt auf dem Weg der Liebe!“, ruft er. Die Liebe, die er meint, ist nicht abgehoben, sondern nahe bei den Menschen. Sie ist schlicht, indem sie auf hohles Pathos und theatralische Gesten und Symbole verzichtet. 

Ein Begriff, der mir in den letzten Wochen aus der Jüdischen Theologie begegnet ist, ist
Laschon hara, wörtlich die böse Zunge:

Dabei geht es darum, Gutes zu reden, einfach das das Negative wegzulassen, Klatsch und Tratsch nicht weiter zu verbreiten.

Einfach zu verzichten, den anderen negativ zu bewerten, abzuwerten, sondern einen gemeinsamen Weg suchen.

Für Paulus ging es darum, ob Sprache das Miteinander fördert oder nicht.

Das heißt: In der Liebe bleiben

Die Frage ist, ob man nur für sich redet, oder die Gemeinschaft aufbaut, der Vergebung Raum gibt und damit immer wieder beginnt, die Welt und das Leben mit den Augen Gottes zu sehen.

Wir kennen das alles, dieses Recht haben müssen, sich entlasten indem man den anderen belastet. Aber das baut Grenzen auf!
Die Sprache des Annehmens, Verstehens
und einander Unterstützens versteht jeder,
auch die Menschen an den Hecken und Zäunen, am Rand unserer Gesellschaft.

Und auf dieser Grundlage hält man auch die Sprache der Wahrheit aus, die uns dazu bringt, unser Verhalten zu ändern, für Versöhnung, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzutreten.

Manchmal, so denke ich, braucht die Sprache der Liebe gar nicht viele Worte.

Manchmal sind für mich im Gottesdienst einfach zu viele Worte, manchmal nehme ich am meisten mit aus dem Schweigen, aus Stille Musik und Liedern: Die Liebe, angenommen sein, da sein dürfen und sich öffnen, für den anderen und die andere, für sich selbst oder eigentlich für Gott, das geschieht eher da.

 „Strebt nach der Liebe!“, ruft Paulus.

Wenn ich mir etwas merken und in die neue Woche mitnehmen möchte, liebe Gemeinde, dann dies. „Strebt nach der Liebe!“, denn die Liebe ist eine Sprache, die auf dieser Welt jeder versteht.

Amen.

Bleiben Sie behütet!

Ihr Pfr, Christof Henzler

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