Andacht - 13.05.2020

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Der Frühsommer hat uns in diesem Jahr mit Regen überrascht – eine Wohltat für die Natur und für uns. Und wenn Wiesen und Wälder jetzt regelrecht „explodieren“ in verschiedenen Grüntönen und vielen bunten Farben, schicken Sie doch mal Ihr Herz spazieren.

Ob Paul Gerhardt damit sich selbst und sein eigenes Herz meinte, das sich an der frischen Luft erholen soll, oder ob er seiner Frau einen schönen Spaziergang wünscht, da ist man sich nicht so sicher. Doch trifft dieses Loblied auf die Schöpfung sehr gut ein Lebensgefühl in diesen Monaten des Jahres: wir können wieder nach draußen, dürfen und erfrischen und beschenken lassen von Farben, Düften und Geräuschen – Paul Gerhardt sieht die Schöpfung als Lob Gottes, als Ort, der uns die Vielfalt und die Kraft der Liebe Gottes aufzeigen kann.

Wenn es im Leben knirscht, dann gehen viele Menschen gerne raus: grün entspannt die Augen, und damit auch die Seele, man erholt sich einfach gut, wenn man mal eine Runde durch den Wald läuft, oder an einem See oder Fluss entlang.

Da gibt es keine ablenkenden Werbespots aus dem Radio oder dem Fernseher, kein Telefon, das Aufmerksamkeit fordert, da sind wir frei von den vielen kleinen Routinen und Handgriffen, die im Haus den Tag füllen und uns immer auch ein wenig gefangen nehmen. Dann bekommen die Gedanken Platz: sie können auch mal wegfliegen, anstatt immer im Kopf zu kreisen, sie können sich verändern, aus Fragen können Möglichkeiten werden und mancher bedrückender Gedanke stellt sich als viel weniger stark heraus, wenn man ihn mal in Ruhe betrachten und dann wegschicken kann. Die Natur hat viele Kräfte, auch auf uns wirkt sie ganz unterschiedlich.

Paul Gerhardt findet noch eine andere Möglichkeit, sich verändern zu lassen: für ihn ist dieses Schöpferlob Anlass, über sich selbst und Gott nachzudenken: wie stehen wir zueinander? Bin ich mit Gott genauso verbunden, wie eine Pflanze, ein Baum, ein Tier des Waldes?

Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen, der vom Himmel fleußt: so heißt es in der 13. Strophe, dass ich die stetig blühe; gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe.

Hier bittet jemand um diese Wurzeln, die jedem Baum selbstverstänlich geschenkt sind, um diesen Halt und das Verbundensein mit der Quelle der Lebenskraft.

Unsere Lebensweise, unser Alltag bringt uns weit weg von unseren Wurzeln: Pünktlichkeit und Organisation sind wichtig, praktisch und pragmatisch entscheiden wir gerne, damit es keine Umstände gibt – und dabei verliert mancher sich selbst. Sich selbst zurück zu stellen, nicht so wichtig zu nehmen, ist sicher auch ein Aspekt unseren Glaubens, sonst ist es schwer mit der Liebe zum Nächsten, mit einer ehrlichen Gemeinschaft, mit Vertrauen ineinander. Doch Pragmatik und sich einfügen ist nicht alles, was unser Leben ausmacht. Denn wir haben Wurzeln, die uns mit Gott und seiner Liebe verbinden.

Vielleicht sind es Kindergebete, die schon lange nicht mehr gesprochen, dennoch im Gedächtnis geblieben sind, Psalmverse aus der Konfirmandenzeit, damals widerwillig gelernt, und doch haben sie sich gehalten; vielleicht ist es die Erinnerung an Feste wie Ostern oder Weihnachten, oder einfach das Gefühl, manchmal gut aufgehoben zu sein. Das sind die Quellen, die uns Lebenskraft und Festigkeit schenken: diese Wurzeln, die uns mit dem verbinden, der unsere Welt angefangen hat und sie seitdem begleitet.

Am liebsten mag ich – neben dem „Naturgemälde“ der ersten Strophen - die beiden letzten Verse. Sie rufen uns auf, uns zu öffnen für diesen Gott, für diese Kraft und Liebe. Damit unsere Seele grünen kann und wir eine schöne Blume im Garten Gottes werden – was wären Sie wohl für eine?

Lassen Sie sich inspirieren von dieser gemalten Spiritualität und vielleicht motivieren von der Idee, dass Gottes Kraft auch in uns wachsen kann. Und das Schöne: falls es wieder regnen sollte, reicht es auch, den Text zu lesen.

Behüte Sie Gott!

                                                                            Bilder & Text: K. Kowalski

 

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Paul Gerhardt, 1653

1) Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.

2) Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide,
als Salomonis Seide.

3) Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder,
Berg, Hügel, Tal und Felder.

4) Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist die Jungen,
der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen,
ins tiefe Gras gesprungen.

5) Die Bächlein rauschen in dem Sand
und malen sich an ihrem Rand
mit schattenreichen Myrten;
die Wiesen liegen hart dabei
und klingen ganz vom Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten,
der Schaf und ihrer Hirten.

6) Die unverdroßne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise,
in seinem schwachen Reise.

7) Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte,
das menschliche Gemüte.

8) Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen,
aus meinem Herzen rinnen.

9) Ach, denk ich, bist du hier so schön
und läßt du's uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden,
und güldnen Schlosse werden!

10) Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muß es da wohl klingen,
da so viel tausend Seraphim
mit unverdroßnem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen,
ihr Halleluja singen.

11) O wär ich da! O stünd ich schon,
ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen:
so wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen,
mit tausend schönen Psalmen.

12) Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen,
zu deinem Lobe neigen.

13) Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe;
gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe,
viel Glaubensfrüchte ziehe.

14) Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.

15) Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen,
hier und dort ewig dienen.

 


Klaus M. Kowalski, Choral und Abgesang zu  Geh aus, mein Herz, und suche Freud  (EG 503)  für Orgel, Kuckuck und singfreudigen Waldvogel

Arp Schnitger Orgel zu St. Ludgeri, Norden, Ostfriesland

 


 

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