Andacht - 11.04.2021

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Was soll man tun. Ostern ist vorbei. Naja, - weitermachen wie immer. Die Fischer unter den Jüngern gehen wieder Heim an die Arbeit und sie gehen zum See. Was soll man auch anderes tun in diesen Zeiten, lange Spaziergänge, frische Luft und Natur, das geht immer und immer noch. Sie sind zwar zu siebt, aber da sie sich vorher eine ganze Woche miteinander in einem Haus aufgehalten haben, kann man sie getrost als einen Haushalt betrachten. Auch die Archäologie in Kapernaum hat gezeigt, dass das traditionelle Haus des Petrus ein Innenhof mit mehreren Fischerhütten war, (von denen eine wohl Jesus gehört hatte). Sieben Männer einer Fischer-WG gehen zum See. So unschlüssig wie wir in diesen Tagen stehen sie da am Ufer. Gut, da ist ein See, aber was sollen wir hier machen? Wenn wir nach Hause zurückgehen, ist dort auch alles wie immer. Es ist überhaupt alles nur noch wie immer. Morgen gehen die Kinder wieder ins Homeschooling, außer den Abschlussklassen Wieder werden Arbeitsblätter für die nächste Woche ausgedruckt. Reichen die Masken noch? Und wir loggen uns in die nächste Zoom-Konferenz ein. Vorher noch mal nach Impfterminen schauen, aber nur die von uns, die schon an der Reihe sind. Macht auch nichts, denn die haben es auch danach noch nicht wirklich leichter. Wir machen weiter. Wir richten uns ein, ob es nun vor Ostern oder nach Ostern ist, kann uns egal sein. Zurück in das alte Leben, zurück in den Alltag, zurück in eine Pandemie, die alltäglich geworden ist.

Sieben Männer stehen unschlüssig am See. Sie haben Unglaubliches erlebt. Simon Petrus hat mit eigenen Augen das leere Grab gesehen. Er war sogar drin und hat die Tücher liegen sehen, in die der tote Jesus eingewickelt war. Sorgfältig zusammengelegt lag da das Tuch, mit dem sein totes Gesicht bedeckt gewesen war. Als hätte Jesus es selbst abgenommen und zusammengefaltet und zur Seite gelegt, so wie man sein Bett macht, wenn man morgens aufsteht. Unglaubliches haben sie mit eigenen Augen gesehen, mit den eigenen Händen berührt. Aber verändert hat sich nichts. „Ich geh dann mal fischen“, sagt Petrus. Ich mach weiter mit dem, was ich gelernt habe und was mein Alltag war, bevor damals Jesus am Ufer stand und mich von hier weggeholt hat. Und natürlich kommen die anderen mit. Was sollen sie auch sonst machen. Sie schieben das Boot ins Wasser, rudern hinaus, werfen die Netze aus. Vertraute, alltägliche Handgriffe. Wenigstens das Gefühl, etwas zu tun zu haben, ist schon gut. Natürlich fangen sie nichts in dieser Nacht. Natürlich fangen wir nichts in diesen Tagen, fischen vergeblich nach Impfterminen, nach Lockerungen, nach dem Leben, das wir hatten. Wir sitzen in einem Boot und fahren über tiefes Wasser, mitten in der Nacht. Wie die sieben Männer tun wir in einer unglaublichen Situation die alltäglichsten Dinge. Es gibt für uns nur das Ufer, das wir schon kennen. Ein anderes ist noch nicht in Sicht.

Eine Woche nach Ostern am Ufer eines Sees. Da steht Jesus und sieht das erste Morgenlicht über dem Wasser und das Boot, in dem sich sieben Männer vergeblich abmühen. Seht, wie sie die Netze einziehen, ohne das silbern auch nur ein einziger Fisch darin blinkt. Seht das Boot näherkommen, ihre leeren Hände und leeren Blicke. Jesus kann nicht sagen, was er vielleicht auch hätte sagen können oder sagen müssen: „Sagt mal, was macht ihr hier eigentlich? Nach all dem Unglaublichen macht ihr hier so etwas Alltägliches wie fischen zu gehen, macht einfach weiter wie vorher?“ Aber dann kommen sie näher mit ihrem Boot und er sieht ihre Gesichter, die müden Augen, die wirren Haare, den kurzen, unruhigen Schlaf, den Schweiß auf der Stirn. Jesus sieht ihre ganze Erschöpfung und Verwirrung. Wie kleine Jungen sehen sie auf einmal aus, nicht wie die Männer, die sie sind. „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“, fragt er deshalb. Und die sieben Männer im Boot bringen nur ein einziges Wort heraus: „Nein“. Nein, Jesus, wir haben nichts. Wir mühen uns ab im Alltäglichen. Wir fangen nichts dabei und sind alle erschöpft und verwirrt. Unsere Netze sind leer. Unsere Akkus sind leer. Und ob es vor oder nach Ostern ist, was macht das schon aus.

„Werft die Netze noch einmal aus“, sagt Jesus, werft sie auf der anderen Seite eures Bootes aus. Macht wenigstens das einmal anders, wenn ihr gerade nur noch Alltägliches könnt. Und sie tun es, mit ihren müden Armen tun sie es. Und dann blinken die vielen großen Fische auf einmal silbern in der Morgensonne. Ein Fang, den man zählen muss, drei, vier, auch zehn oder zwanzig Fische würden sie mit einem Blick erfassen können. Aber es sind zu viele und sie werden sie ganz genau zählen, später dann an Land. Die Fische blinken in der Sonne und in ihren müden Augen. Und jetzt erkennen sie die Gestalt am Ufer und sie wissen, wer das ist. Ein Déjà-vu, das haben wir doch schon einmal erlebt vor ein paar Jahren. Aus Johannes bricht es heraus: Jesus. Petrus ist immer noch verwirrt, aber anders verwirrt. Wie verrückt vor Freude zieht er sich unsinnigerweise erst noch etwas über, um sich dann in den See zu werfen und ans Ufer zu schwimmen. Und die anderen rudern hinterher, so schnell sie können. Und da ist Jesus und ein Feuer, an dem Petrus dann seine nassen Sachen trocknen kann. Und auf dem Feuer duften schon das Brot und der Fisch. Jesus ist ihnen nachgegangen, in ihren Alltag, sieht sie, wärmt sie, nährt sie. Ein Frühstück am Feuer, das Kraft gibt nicht nur für einen Tag, sondern für ein ganzes Leben. Jesus steht am Ufer unserer Leben, im Homeoffice und im Homeschooling und sieht uns, wie wir uns abmühen mit unserem Alltag. Kinder, habt ihr etwas zu essen, habt ihr, was ihr braucht? Das fragt Jesus die mit den müden Augen, die jetzt besonders erwachsen sein müssen und für andere da sein. Gibt es etwas, das ihr anders machen könnt trotz all dem Alltag, trotz eurer Erschöpfung? Gibt es nicht doch eine andere Seite in diesem Boot, in dem wir gerade alle sitzen? Werft eure Netze aus, nur noch einmal und ihr werdet darin etwas blinken sehen. Wie schön, dass ich am Donnerstag in der Zeitung lese, nach all der Kritik an mangelnden Impfstoffen in Europa, woran dieser Mangel liegt: Großbritannien und USA haben 0% ihrer Impfstoffproduktion in andere Länder exportiert. Europa 46%, immerhin. Und ich hatte mich im Oktober über die Kanzlerin gewundert, die es gewagt hatte, an ihre Kollegen zu appellieren, dass es jetzt darauf ankommt, den Impfstoff zu teilen, und selber etwas länger zu warten. Damals hatte ich mich gefragt, ob sie so viel Nächstenliebe durchsetzen kann. Habt ihr alles was ihr braucht?, fragt Jesus. Ich bin doch bei euch. Setzt euch zusammen ans Feuer. Ich wärme und ich nähre euch, jetzt, in diesen kühlen, dürftigen Zeiten. Weil ich eure Sehnsucht kenne nach Nähe und Gemeinschaft, wie man sie hat, wenn man um ein Feuer sitzt, nach Musik, nach Nahrung für die Seele. Denn ich weiß um euren Hunger, nach dem Leben in seiner Fülle, wie ein Netz voll silbern blinkender Fische, zum Zerreißen gespannt. All die Angst, all das Herum-gehacke aufeinander braucht es nicht. Am Ufer eines Sees sitzen sie, so wie früher, in einer großen Runde um ein Feuer, mit duftendem Brot und knusprigem Fisch. Es ist in der Woche nach Ostern. Es das dritte Mal, dass sich Jesus ihnen zeigt und erst jetzt wird es wirklich hell über ihrem Leben. Sie wissen: Das ist Jesus. Er ist auferstanden und in unser Leben gekommen. Er ist bei uns alle Tage, bis an das Ende der Welt. So sitzen sie da und frühstücken da am Ufer. Und über dem See geht die Sonne auf. Amen.

Bleiben Sie behütet,

Ihr Pfr. Christof Henzler

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