Andacht - 09.05.2021

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09.05.2021

Jesus Sirach 35 und Daniel 9

Beten

Für Jesus Sirach scheint es fraglos und sonnenklar: Gott schreitet ein, hilft, handelt, lässt die Seinen nicht im Stich. Was er im Gebet erfährt, weckt sein soziales Gewissen und die Erkenntnis, dass Beten bedeutet, den Willen Gottes zu erkennen und zu gestalten. Er schreibt: Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? Jes Sir 35,16-18

Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt.

Dieses Gefühl, Gott trägt mich, durch alles was kommt, in Höhen und Tiefen - das ist nicht immer da. Manchmal sind wir einfach nur am Boden zerstört, die Tränen fließen, wir können nicht mehr

Da steht ein noch ganz merkwürdiger Satz bei Jesus Sirach: Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt.Jes Sir 35,21

Ist ein Gebet wie ein DHL-Paket und es dauert halt, bis es ankommt und endlich Rückmeldung erfolgt? So ging es Daniel der das Warten nicht mehr aushielt:

Ich betete zu dem HERRN, meinem Gott, und sprach: Ach, Herr, du großer und schrecklicher Gott, der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten abgewichen (…) Ach, Herr, wende ab deinen Zorn und Grimm deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach. Höre das Gebet deines Knechtes lass leuchten dein Angesicht, … denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. Ach, Herr, höre! Ach, Herr, sei gnädig! Ach, Herr, merk auf und handle! Säume nicht – um deinetwillen, mein Gott! Dan 9, 4-19 i.A.

Liebe Gemeinde
Was für ein ganz anderer Ton –
hier spricht ein Mensch, der am Boden zerstört und in tiefen Schuldgefühlen zerknirscht ist. Was haben wir getan?
 Wie weit haben wir es kommen lassen?
Gesündigt, Unrecht ausgeübt,
gottlos sind wir gewesen.

Eine Wehklage in den Trümmern der Stadt Jerusalem. Sich an die Brust schlagen,
Schuldbekenntnis – und Anrufung dessen, der „groß und schrecklich“ ist … Nun, das war eine ganz spezielle niederschmetternde Situation des Volkes Israel, damals, die viele Fragen aufwarf.
Unter anderem auch die wieder: Warum? Hat Gott uns verlassen?

Heute will ich, gar nicht weiter auf die geschichtlichen Umstände einzugehen und stattdessen von unserem Jerusalem sprechen, damit wir spüren, wie nah uns dieses Gebet Daniels ist.
Jerusalem als Sinnbild, Brennpunkt, Mitte der Welt, als Symbol für die Welt, ihre Kostbarkeit, ihre Schönheit, ihren Irrsinn, für Mord und Totschlag in der heiligen Stadt …

Im Jahr 2021 sind die Trümmer der Stadt,
ist das zerstörte Heiligtum nichts anderes
als unser Planet, diese ganze Welt, die es nur einmal gibt, Grund der Klage und des sich an die Brust-Schlagens.
In wie kurzer Zeit haben wir (ja: wir, jede und jeder gehört ja zur Gattung, Mensch genannt) es geschafft, so viel kaputt zu machen, dass es möglicherweise kaum noch Rettung gibt vor einer gebeutelten und gepeinigten Zukunft in Sturm, Hitze und Überschwemmung?

Und das kann nicht im Sinne des Erfinders sein. Sie erinnern sich: Beten heißt nicht: „Gott, mach dass es nicht so warm wird“ – Beten heißt, mein Gewissen schärfen, dass es den Willen Gottes erkennt. Auf den Punkt gebracht: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ 

Diese Welt wurde auf längere Perspektive errichtet, für sehr viel mehr Generationen als die Bisherigen.

So verstehe ich auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von letzter Woche. Das aktuelle Klimaschutzgesetz greift zu kurz. Es fehlen ausreichende Vorgaben für den Ausstoß schädlicher Treibhausgase ab 2031 – mit anderen Worten: ohne Nachbesserung müssen die kommenden Generationen sehr viel mehr Lasten und Kosten tragen als wir, ohne dass sie den Schlamassel verursacht hätten. Damit wird ihnen Freiheit und Lebensqualität genommen, die Grundlage eines auskömmlichen, glücklichen Lebens.

Darum haben wir, der Kirchenvorstand im Januar vor der Pandemie beschlossen, das Thema Bewahrung der Schöpfung zu einem zentralen Thema unser Gemeindearbeit zu machen.

Darum haben wir im Herbst drei nicht nur symbolische Apfelbäumchen gepflanzt -und Birne und Walnuss - und sie treiben wunderbar aus. –

Darum stehen wir in den Startlöchern um erst eines, dann mehrere Hochbeete hier zu Bauen, als Ort der Begegnung und als kleines Zeichen, miteinander als Christen nachhaltig zu leben und Gottes Gaben zu teilen Hoffentlich dürfen wir bald Gemeinde und Anwohner einladen, um das Projekt zu beginnen.

Ja wir sind schuldhaft verstrickt in diese Katastrophe. Was uns Christen ausmacht, ist das Vertrauen auf Gott, seine Barmherzigkeit, die wirkt, an uns und durch uns. Ein Vers unseres zweiten Predigttextes steht übrigens an unserer Kirche:

Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.

(Ich wäre total neugierig zu erfahren, wie es dazu kam, dass die wichtigsten Worte dieses Verses „und vertrauen“ ausgelassen wurden, - und niemand den offensichtlichen Fehler korrigiert hat? Nun, ich war so frech, heute diese Worte einzufügen.)

Als Zeichen von Gottes Barmherzigkeit  auf deren Wirkkraft wir vertrauen, verstehe ich auch das Urteil der Bundesverfassungs­gericht, weil es unser Gewissen schärft.

Darum erinnere ich mich heute an Sophie Scholl, die heute ihren 100. Geburtstag feiern würde und die Weiße Rose, die auf ihr Gewissen gehört haben. (Die sechs Flugblätter der Weißen Rosen finden sie in diesen Tagen in der Kirche.) Auch die Erinnerung an sie ist eine Art Gebet, in die Zukunft, in die Wolken hinauf gerichtet für die Kommenden, dass wir umkehren müssen, immer wieder, auch wenn es weh tut. Mit Gottes Hilfe, wie sie der Prophet Daniel erfleht!

Wenn wir uns im Gebet an seinem Willen orientieren, dass es „hier unten“ blühen und gedeihen soll, auskömmlich bleiben und Mensch und Tier die Chance lassen soll, zu bestehen

Und Menschen nicht gegeneinander sondern miteinander leben,

– dann wird er uns wohl Mut machen dazu.
„Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.“

Amen.

Bleiben Sie behütet,

                                 ihr Pfr. Christof Henzler

 

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