Andacht - 07.09.2020

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Gedanken zu Apg 6, 1-7, Pfrin. K. Kowalski

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen. 3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia. 6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Es gibt bisschen was zu knabbern, nicht nur für uns, sondern auch für die ersten Christen in Jerusalem: da waren sie seit einigen Wochen ziemlich gewachsen, der neue Stern am religiösen Himmel sozusagen – und jetzt das: die Witwen fühlen sich nicht mehr gesehen, an den Rand gedrängt, offenbar unterbleibt deren Versorgung durch die Gemeinde. Ein echtes Problem, denn genau darin sehen sich die Christen ja als vorbildlich: dass gerade die Schwachen gesehen und unterstützt werden. Und jetzt das: die griechischen und hebräischen Gemeindeglieder geraten darüber aneinander: zu der sozialen kommt schnell auch die ethnische Komponente: da sind zwei verschiedene Völker, zwei verschiedene Traditionen, die aufeinander prallen. Es muss schnell eine Lösung her, die Folgen könnten schwer sein für die Gemeinschaft.

Ist heute alles ganz anders, könnte man da gelassen abwinken: es gibt Sozialdienste der Kirchen, es gibt Antidiskriminierungsgesetze, es gibt Ortsgemeinden, wo jeder anrufen kann, der etwas braucht – warum also müssen wir uns abgeben mit der Frage der Gerechtigkeit von damals?

Die erste Gemeinde reagiert genau so: sie richtet einen Sozialdienst ein: 7 renommierte Männer, ehrbar und gläubig, sollen sich um die gerechte Güterverteilung in der Gemeinde kümmern, besonders eben um die Witwen. Denn – und das wird schnell klar – das können Petrus und die anderen Jünger Jesu nicht mehr alleine leisten: mit solchen Details sind sie überfordert, es gibt einfach zu viel zu tun.

Wie heißt es bei uns? Das macht der Pfarrer – oder die Pfarrerin. Und damit ist es gut.

Ein wichtiger Aspekt heute ist der: eine Gemeinde mag sich zwar als Herde der Schäfchen Gottes verstehen, doch einfach Gott durch den Pfarrer als Hirten zu ersetzen, und dann wird das schon, das klappt nicht: auch ein Pfarrer ist ein Mensch: begrenzt, Geschöpf, manchmal erschöpft. Kann niemals alleine für die ganze Gemeinde sorgen.

Wer macht´s dann? 7 Männer, die an Gott glauben, denen man vertrauen kann: theoretisch sind da die Frauen dann fein raus, das wäre heutzutage allerdings eine unfaire Art, die Bibel zu lesen. Jede Person in der Gemeinde, die sich als vertrauenswürdig sieht, ist gefragt. Damals – und heute: wer wird heute alles nicht gesehen: die Nachbarn, die nicht mehr in die Kirche kommen können, die eigene Schwester, bei der man sieht, wie schwer ihr der Alltag fällt – oder die, die früher immer da waren, und jetzt stellen wir fest: wir haben sie seit Monaten nicht mehr gesehen. Wer wird nicht gesehen, wer fällt aus dem Blick? Die Jugendlichen, für die 10 Uhr am Sonntag immer noch zu früh ist, oder die, die lieber fernsehen, als sich mit Gott zu beschäftigen. Die, denen das Leben zu übel mitgespielt hat, als dass sie sich noch mit Gott befassen würden.

Jeder von uns kennt sie – meistens besser, als die Pfarrer. Und doch – wer, wenn nicht der Pfarrer? Ich? Wirklich? Wieso ich?

Ja, du – Sie. Jeder, der getauft ist.

Martin Luther ging so weit, dass er sagte: jeder getaufte Christ hat die Fähigkeit, das Wort Gottes zu verkündigen. Nicht nur geweihte Priester. Wir sind heute sehr stolz auf unser Priestertum alle Gläubigen. Ein toller, im wahrsten Sinne reformatorischer Ansatz in der Theorie.

In der Praxis?

Ja, es ist einfacher, die Pfarrerin zu schicken, die weiß, wie man traurige Geschichten hört und was man da dann sagt. Die wird fürs Zuhören bezahlt. Ich nicht.

Doch selbst, wenn wir Pfarrer alles selber machen – und ich weiß, es gibt solche, die wollen das so – wir können es nicht leisten. Wir werden übersehen, vergessen, wegbleiben.

Alle sind gefragt in der Gemeinschaft Gottes. Und ich glaube, das ist, neben der schönen Geschichte vom Segen am Schluss, ein wichtiger Aspekt dieser Idee der christlichen Gemeinde: wir alle sind dabei, wir alle sind Teil dieser Gemeinschaft, wir alle sind Schaf und Hirte, Problem und Lösung sozusagen.

Paulus führt das etwas später noch ein wenig genauer aus, er geht auch weg von dem Blick nur aufs Geld: jeder mit seiner Gabe sollte sich einbringen in diese Gemeinschaft.

Das leben wir heute noch so: Chor, Mesner, Lektor, Jugendleister oder einer, der beim Gemeindefest am Grill steht: es gibt viele Aufgaben und viele, die sich da gerufen sehen.

Doch es gibt eben auch die Aufgaben, die nicht so gesehen werden – und es gibt auch die, die da hingehen und es wird auch nicht gesehen.

Heute lassen wir uns fragen: was machst du? Wo ist dein Teil? Gibst du etwas zurück?

Was möchtest du geben, was kannst du geben, wie kannst du damit anfangen?

Steigende Mitgliederzahlen sind bei uns schon lange passe. Und gerade deshalb sollte jeder das Gesicht der Kirchengemeinde sein: andere überzeugen mit dem, was man im Namen Gottes tut.

Jeder von uns ist in den Dienst gerufen – mit so viel Pflichtgefühl, wie wir schaffen können.

Leicht ist es sicher nicht, ich möchte auch nicht wissen, wie viele gefragt und abgesagt haben, damals.

Aber genau das kann heute ein Grund sein, anzufangen: Blumen für die Kirche? Kann ich mitbringen; Mesner dienst mal übernehmen? Geht vielleicht auch. Mich als Besuchsdienst anbieten? Bei denen, die ein offenes Ohr brauchen?

Es gibt viele Wege – vielleicht haben Sie Lust?

 


Choral und freie Improvisation über  Wo ein Mensch Vertrauen gibt, EG 648

Klaus M. Kowalski, Hill & Son-Orgel, Holy Name Church, Manchester UK 


 

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