Andacht - 05.09.2021

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05.09.2021

Reihe: Märchenpredigt

Rumpelstilzchen

Liebe Gemeinde, haben Sie auch schon mal in Namensbüchern geblättert? Es gibt ja so Bücher, da stehen alle möglichen Vornamen drin; werdende Eltern blättern manchmal in so einem Buch, um sich anregen zu lassen bei der Namensfindung. Namen haben häufig eine Bedeutung, aus ganz alten Zeiten, manche Namen haben eine Geschichte. Es gibt eine Reihe von Kulturen, in denen der Name, den man bekommt, etwas aussagt über einen bestimmten Moment, über die Person oder die Abstammung. Bei den Indianern bekamen junge Menschen ihren Namen nach etwas, was sie erlebt oder geleistet haben („vielleicht kennen Sie den Film „Der mit dem Wolf tanzt“ – ein bezeichnender Name), bei den Arabern war wichtig, dass auch der Name des Vaters, manchmal des Großvaters angehängt wurde; ich hab früher leidenschaftlich Karl May gelesen und da gab es den „Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abbul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah“ also Halef Omar Sohn von Abbul Abbas Enkel von Dawud al Gossarah.

Im Märchen „Rumpelstilzchen“ geht es auch um Namen. Die Müllerstochter muss wegen ihres prahlenden Vaters in einer Kammer des Königs aus Stroh Gold spinnen. Ein kleines Männlein tritt auf und verspricht zu helfen. Als Pfand gibt die junge Frau zunächst ihr Halsband, in der zweiten Nacht ihren Ring und in der dritten Nacht aus lauter Verzweiflung verspricht sie dem Männlein ihr erstgeborenes Kind. Nach Hochzeit mit dem König und weiteren 12 Monaten bekommt die junge Königin ein Kind und da taucht auch das Männlein wieder auf und verlangt seinen Preis. Alles betteln hilft nicht, aber die Königin bekommt dann doch ein überraschendes Angebot: drei Tage hat sie Zeit: „Wenn du bis dahin meinen Namen weißt,“ sagt das Männlein, „sollst du das Kind behalten.“

Da wird schon etwas deutlich, von der Kraft und der Macht, die offensichtlich im Namen liegt. „Wenn du meinen Namen weißt“, wenn du mich mit Namen anreden kannst und mich benennen kannst, „dann darfst du dein Kind behalten.“ Es gibt unzählige biblische Geschichten, in denen der Name Ausdruck von solch einer Kraft ist. Jemand einen Namen zu geben, das bedeutet eben auch Überlegenheit zu demonstrieren, Anspruch auf etwas auszuüben. Schon in der Schöpfungsgeschichte fordert Gott den Menschen auf, allen Geschöpfen und allen Dingen einen „Namen“ zu geben und drückt damit die besondere Rolle und Verantwortung des Menschen aus. Als Mose in einem brennenden Dornbusch Gott erkennt und ihn nach seinem Namen fragt, da verweigert sich Gott und gibt keine Antwort – wenn er seinen Namen preisgeben würde, wäre er dem Menschen ein Stück verfügbar, würde seine Freiheit und Souveränität verlieren. Die biblischen Geschichten erzählen davon, wie Gott es in der Begegnung mit Menschen immer bei sehr nebulösen und offenen Formulierungen belässt, wie z.B. „Ich bin, der ich sein werde“ oder „Ich werde für dich da sein“. In der jüdischen Gemeinde versucht man diese Unverfügbarkeit Gottes dadurch zu achten, dass bis heute der Gottesname tabu ist, sondern immer nur mit Umschreibungen wie „Herr“ oder „Der Eine“ oder auch der Formel „Der Name“ von Gott geredet wird.

Dass ein Name auch ein Stück Macht über das benannte bedeutet, kennen wir - bei genauem Hinsehen - glaube ich auch aus unserer eigenen Erfahrung. Wenn wir uns vor irgendetwas Unbekanntem fürchten, oder wenn wir uns etwas Bedrückendes ausmalen, dann spüren wir, wie sehr sich das ändert, wenn wir einen Namen dafür finden. Es gibt einen klugen Satz: „Nichts ist so schlimm, wie es sich unsere Phantasie ausmalt“; Der Satz stimmt mit meiner Erfahrung überein, denn sobald wir etwas benennen können, wenn wir eine Bezeichnung für etwas wissen, dann verliert es ein Stück seinen Schrecken, dann können wir uns auseinandersetzen, dann wird es greifbar, handfest. Ja selbst mit Menschen geht es uns so: wie oft merken wir, wenn wir jemand mit seinem Namen anreden können, dann ist ein großes Stück Distanz aufgehoben, dann verlieren manchmal auch Menschen, mit denen wir nicht wussten umzugehen, ein Stück ihre Bedrohlichkeit.

Die junge Königin schickt alle Boten und Kundschafter des Hofes los, um alle möglichen Namen des Landes zu erkunden. Man suchte die seltsamsten Namen, aber weder am ersten noch am zweiten Abend passten die Namen. Am dritten Tag schließlich kam ein Bote zurück und berichtete, er habe im Wald hinter dem Berg, wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagten, einen Zwerg hüpfen sehen, der immer schrie: „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.“ Das musste der Name sein. Und als abends das Männlein erschien, fragte die Königin: Heißest du Heinz? Heißest du Kunz? Oder heißest du Rumpelstilzchen?“ Da schrie das Männlein auf, stampfte mit dem rechten Fuß fest in den Boden und verschwand („riss sich entzwei“). Man spürt, wie auch in diesem Märchen im Geheimnis des Namens gleichzeitig auch das Geheimnis der Person liegt. Als die Königin den Namen von Rumpelstilzchen weiß, da ist es mit dessen Überlegenheit vorbei, man ahnt ihre Erleichterung.

Wer jemand benennt, der hat ein Stück Macht über ihn. In der Taufe benennen wir die Täuflinge auch mit einem Namen, nämlich den von Jesus Christus; die Täuflinge werden namentlich zu „Christinnen und Christen“. Wir gestehen somit Gott ein Stück diese Macht über uns zu. Was das für eine Macht ist, das wird in dem Vers aus dem Jesaja Buch deutlich, den wir in der Lesung gehört haben: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Fürchte dich nicht, denn in der Taufe benennt uns jemand, der unser Freund sein will, der zu uns genauso wie zu Jesus in dessen Taufe sagt: „Ich habe dich lieb!“ Insofern ist dieser Name eine Benennung, die uns wirklich frei machen will zu einem selbstbestimmten und gleichzeitig geborgenen Leben im Schutze Gottes. Was immer unsere Namen auch mit uns machen, wer immer uns auch mit allen möglichen Namen belegt, diese Benennung trägt über all das hinweg.

Liebe Gemeinde, auch wenn die Predigt eigentlich hier zu Ende sein könnte, muss ich zu dem Märchen Rumpelstilzchen doch noch einen ganz anderen Gedanken sagen: auch in diesem Märchen wird nämlich mal wieder – wie so oft - eine Frau von der Protzerei und Geldgier eines Mannes in Not gebracht. Und mal wieder wird die Rechtlosigkeit einer Frau sichtbar, die erst von ihrem Vater dann von dem König benutzt wird, ohne dass sich jemand um ihre Angst und Tränen kümmert. Die Müllerstochter wird in einen absurden Dienst gezwungen – und die Konsequenz ist sogar, dass man ihr ihr Kind nehmen will – für frühere Zeiten nicht ungewöhnlich, wenn der Vater ein Kind nicht haben wollte. Ich sage das, weil es immer wieder daran zu erinnern gilt, dass wir, die wir als Christinnen und Christen benannt werden, uns solchen männlichen Gebaren nur aufs Deutlichste widersetzen können. Ich erinnere nur an die vielen Erzählungen von diesem Sohn Gottes, nach dem wir uns benennen, wie er Frauen aus dem Schatten herausgeholt hat, wie er Ängste und gewalttätige Dämonen der Angst und Unterdrückung vertrieben hat. Das Märchen „Rumpelstilzchen“ erzählt eigentlich eine todtraurige Geschichte einer Müllerstochter. Wenn das Märchen diese Geschichte heiter, ja fast übermütig erzählt, dann ahnt man vielleicht etwas von der tiefen Erleichterung und Freude, die man empfindet, wenn Angst abfällt. Paulus sagt einmal: „Wir sind befreit zur Freiheit der Kinder Gottes“. Ich könnte mir vorstellen, dass die Müllerstochter am Ende etwas von dieser Freiheit spürt – und sich als solchermaßen benannte nie mehr in die Knechtschaft der Geldgierigen begibt. Ich ahne, wie sehr wir diese Freiheit der Kinder Gottes bis heute brauchen.

Bleiben Sie behütet, Pfr. Wolfgang Blöcker

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