Andacht - 02.08.2020

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Gds 8. n. Trin., 2.9.20, 8.n. Trin. Kirchweih Sonntag, Pfrin. Kerstin Kowalski

Gedanken zu  Joh 9, 1-7

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Manchmal mag man am Morgen nicht mal in den Spiegel schauen – schon wieder ich. Schon wieder dieses Gesicht, schon wieder immer das Gleiche, die alten Geschichten, die geplatzten Träume, die verpassten Chancen. Kennen Sie? Da hilft auch ein schönes Badezimmer nichts.

Wir sind es gewöhnt, im Leben zusammeln: Enttäuschungen, Erfahrungen, Niederlagen, Absagen, persönliches Scheitern. Was jetzt vielleicht wie eine schlechte Liste klingt ist doch das, was den meisten einfällt, wenn sie eine Bilanz ihres Lebens ziehen möchten: eher fallen uns die weniger schönen Erlebnisse ein, als das, was uns gut getan hat. Vielleicht gehört das zum Menschen, vielleicht ist es wirklich besser zu sehen, wo man sich noch entwickeln kann, als sich zurück zu lehnen und sich auf irgendwelchen Lorbeeren auszuruhen.

Aber manchmal mag man dann eben den oder die da im Spiegel nicht so recht begrüßen: mit sich selbst hat man einfach zuviel erlebt.

In unserer Geschichte, die wir gerade gehört haben, finden wir ähnliches: auch da ist einer, der mit der Geschichte seines Lebens nicht glücklich ist. Vielleicht würde er sich sogar ansehen im Spiegel – doch er kann es nicht. das ist einer, der sieht gar nichts. Der hat noch nie was gesehen, schon seine Eltern haben ihm nichts dazu beigebracht, sie kennen ihn nicht anders. Ich glaube, es ist hier nicht so wichtig, ob dieser Mann wirklich blind war, oder ob es eher um ein psychisches Problem geht, um Seelsorge oder was auch immer. Dieser Mann ist jedenfalls in seinem Leben eingeschränkt, wichtige Erfahrungen, die andere machen, kann er nicht machen. Er sieht nichts. Im Spiegel sieht man manchmal auch nichts – das echte Spiegelbild ist schwer zu erkennen, verdeckt von Duschdampf  - die Geschichten unseres Lebens prägen sich zwar im Gesicht ein, doch was uns wirklich ausmacht verschwindet oft hinter dieser Maske des Alltags. Ich sehe mich selbst nicht. Oder nicht mehr.

Ein Blinder begegnet Christus – es ist klar, dass da nichts so bleibt, wie es war. Alles ist anders danach, pauschal  lesen wir: er sieht. Christus begegnen, das kann nicht ohne Folgen bleiben. Das verändert von Grund auf, das Leben ist danach anders als vorher.

Christus begegnen und ihn erleben bedeutet: Zuwendung erfahren. Ohne Wenn und Aber: keine Fragen nach Qualifikation, Zukunftsperspektiven, Sozialprognosen – Christus ist da, und die Veränderung beginnt. Umsonst, ohne moralischen Auftrag – Christus macht einfach. Macht aus einem halben einen ganzen Menschen, gibt Sicherheit und Selbstbewusstsein zurück, ermöglicht Selbsterkenntnis.

Wer Christus begegnet, darf hinsehen, genau hinsehen. Auch auf das eigene Spiegelbild. Wer Christus begegnet, darf sich sehen, was alles zu mir gehört, was mich alles ausmacht. Christus gibt uns Zeit und Raum, um uns selbst zu begegnen. Weil er nicht urteilen wird über uns, keine Impulse zur Optimierung unseres Lebens ausgibt, weil er nicht verbessert oder wertet. Die Geschichten unseres Lebens sind da, alle, auch, wenn wir zu Christus kommen. Doch er zeigt uns, dass sie nicht alles sind. Er zeigt uns, dass es immer noch einen anderen Blick auf uns gibt, den Blick Gottes: du bist ein Kind des Lichts!

Christus begegnen – wenn´s nur so einfach wär! Im badspiegel ist er noch nie gewesen. Kommt er vielleicht einfach vorbei, so, wie in der Geschichte?

Eben haben wir das große Lob auf die Schöpfung gesungen von Paul Gerhardt: geh aus, mein Herz, und suche Freud an deines Gottes Gaben. Wo begegnen wir Christus? Vielleicht in der Kirche, bei einer Stille nur für mich? Vielleicht bei einem Spaziergang durch schattige Buchenwälder am Nachmittag? Vielleicht im Gespräch mit meinen Kindern oder guten Freunden, die das können, was Christus tut: hinter die Maske sehen und mein wahres Gesicht erkennen?

Für mich steht fest: es geschieht, jeden Tag: Christus ist unterwegs und auch unterwegs zu jedem von uns.

Die Herausforderung ist vielleicht das Stehenbleiben und ihm begegnen, dieses sich Christus aussetzen – vielleicht geht man manchal doch lieber einfach weiter.

Es bleibt eine Einladung, eine Übung: Christus begegnen, erleben, wie sich alles ändern kann. Wie der Blick in den Spiegel. Amen.

 


J. S. Bach, Choralvorspiel „Liebster Jesu, wir sind hier“ Vater-Müller-Orgel, Amsterdam


 

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