Andacht - 02.05.2021

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02.05.2021

Predigt an Kantate

Singt!

Liebe Gemeinde, dieser Sonntag heute hat wie alle Sonntage im Kirchenjahr einen Namen und damit auch ein Thema, um das sich unsere gemeinsame Gottesdienstfeier dreht. Dieser Sonntag heißt Kantate. Kantate ist eine Aufforderung. Es bedeutet Singt! Singt nicht irgendetwas, sondern singt voller Freude zur Ehre Gottes. Lobt ihn für das, was er getan hat und was er noch in Zukunft tut. Es gibt unzählige Lieder, die von der Liebe, der Güte und den Taten Gottes erzählen. Viele davon sind schon sehr alt.

Einige der ältesten Texte in der Bibel, nämlich die Psalmen, sind Lieder. Die ursprünglichen Melodien können wir heute nur noch erahnen, aber feststeht, dass diese Texte nicht einfach nur vorgelesen, sondern gesungen wurden. Der wohl berühmteste Liederschreiber damals war König David. Musik und damit das Lob Gottes hat ihn in seinem ganzen Leben begleitet. Aus seiner Erfahrung als Hirte bei der Schafherde seines Vaters ist zum Beispiel das Lied vom guten Hirten, der Psalm 23, entstanden. Auch aus dem Neuen Testament sind uns Loblieder bekannt. Das Magnificat, der Lobgesang der Maria zum Beispiel. Sie singt: "Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter." Und der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Kolosser: "Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen!"

Das Singen und Musizieren spielt also schon seit jeher eine wichtige Rolle in der jüdischen und später auch in der christlichen Glaubensgemeinschaft. Über die Jahrhunderte hinweg wurden die Melodien an die jeweilige Zeit angepasst. Es kamen neue Instrumente, Sprachen und Klänge hinzu. Große Künstler wie Wolfgang Amadeus Mozart oder Johann Sebastian Bach komponierten Werke für die Messen und Gottesdienste ihrer Zeit. Den Grund für seine Musikstücke schrieb zumindest Johann Sebastian Bach unter einige seiner Werke: Soli Deo Gloria! Allein Gott zur Ehre. Immer schon singen Menschen Gott Lieder, um ihn zu loben. Sie kommen aus tiefstem Herzen, vom Grund der Seele. Musik bewirkt etwas, das Worte allein nicht schaffen können. Eine Atmosphäre, die irgendwie nicht so ganz von dieser Welt ist.

Vor genau einem Jahr erst war die Kraft der Musik besonders spürbar. Ich erinnere mich an die Bilder und Videos vom April und Mai 2020, die um die Welt gingen. Auf ihnen zu sehen und zu hören waren Menschen auf ihren Balkonen, die miteinander gesungen haben. Besonders in Regionen, die besonders hart vom Corona-Virus getroffen waren, wie Italien. Eigentlich war es eine Zeit voller Sorgen und Ängste, aber die Leute haben keine traurigen Lieder gesungen! „Volare“ – eine Hymne auf die Lebensfreude war da von den Balkonen und Fenstern zu hören. Auch nördlich der Alpen, in unseren Straßen war es nicht still. Gerade zur Osterzeit ließen sich viele von der Freude mitreißen.

Nicht viel anders ist es wahrscheinlich den Jüngern ergangen, als sie hinter dem Esel hergezogen sind, der ihren Herrn Jesus geradewegs auf Jerusalem zu getragen hat. Sie waren begeistert von Jesus, mitgerissen von seinen Taten und seinem Wesen. Sie waren überzeugt, dass mit ihm Gott in ihr Leben gekommen ist. Sie haben an seiner Seite gelebt, erfahren, wie er Leben heilen kann, sei es auch noch so verwundet oder behindert. Sie hatten erlebt, wie sich die Welt neu ordnet in seiner Nähe, Gerechtigkeit und Frieden Einzug gehalten haben in das Miteinander. Dass Jesus nun seine relativ sichere Umgebung in Galiläa verlassen hatte und hier steht, vor den Toren Jerusalems, am symbolträchtigen Ort, am Abhang des Ölbergs, das sprach für sich. Auf diesem Weg war einst König David aus der Stadt geflohen. Hier wurde der Messias erwartet. Von dorther kommt nun Jesus. Das spricht für sich. Das alles begreifen sie in diesem Moment. Sie können gar nicht anders als vor Freude zu singen, aus tiefster Seele: „Gelobt sei, der da kommt, der König, im Namen des Herrn. Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Halleluja!“ Die Jünger glauben, er kommt im Namen des Herrn und wird die Sehnsüchte nach Frieden und Heil erfüllen. Er ist der, der alles wieder neu macht.

Aber der Bibeltext zeigt uns, dass die Reaktion der Jünger nicht die einzig mögliche ist. „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ hört man die empörten Rufe der Pharisäer. Für sie ist Jesus ein Blender, ein Aufschneider, ein Hochstapler. Er lästert Gott und verbreitet Unruhe im Volk.

Kennen wir sie nicht auch: Die kritischen Stimmen, die unser Singen und unser Jubeln zum Schweigen bringen? Das gehört sich nicht!“, „Bleib doch mal realistisch!“, „Jetzt ist keine Zeit für Lob, sondern für Anklage!“ Gerade im Jahr 2021, nach einem Jahr Corona-Pandemie, Lockdowns und Kontaktbeschränkungen ist uns doch gar nicht nach fröhlichem Singen zumute.

Wer hat Recht? Die Pharisäer oder die Jünger? Schweigen oder Singen? Verstummen oder das Risiko des Glaubens eingehen? Jesus antwortet den Pharisäern und spricht: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Die kritischen Stimmen können uns schnell das Singen verderben. Sie haben viele Gründe und gute Argumente. Aber aufzuhalten ist der Jubel nicht. Es wird sich immer wieder Bahn brechen, auf Balkonen, vielleicht aber auch in der Natur selbst. Auch das war ja so eine Erfahrung in den Frühlingsmonaten des Jahres 2020: Je düsterer die Prognosen, desto glänzender das Grün, als ob die Natur die Hoffnung in die Welt hinausschreit. Der Psalm des Sonntags Kantate, der 98. Psalm, singt davon: „Das Meer brause, die Ströme klatschen in die Hände, alle Berge seien fröhlich. Denn er kommt.“ Klar, dass da auch Steine schreien werden. Lassen wir uns mitreißen, oder bleiben wir stumm, erdrückt von all den Argumenten, die gegen Gott ins Feld zu führen sind?

Vielleicht ist es für uns im Frühling 2021 mehr denn je an der Zeit zu singen. Das Autoradio lautstellen und bei einem Schlager mitträllern, sich selbst auf einem Instrument begleiten, wenn man eines beherrscht oder bei Videogottesdiensten vom Sofa aus mitsingen. Warum? Weil Musik unserer Seele guttut und weil Musik Gott ehrt.

Jesus antwortete und sprach: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ So ist es. Das Lob Gottes wird sich immer Bahn brechen, auch wenn alle Umstände dagegensprechen.

Bleiben Sie behütet,

Ihre Anna-Lena Enser

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